"Eine alphabetische Befragung des argentinischen Telefonbuchs hat mir bestätigt, dass ich die Adresse des jungen Cárdenas auswendig wusste. Ich habe aber dabei etwas festgestellt, was mir stank: Der Elende hauste in einem der miesesten Viertel, die es überhaupt gibt. Aus dieser schmerzlichen Feststellung ergab sich nur eine positiver Tatbestand: Cárdenas wohnte bei mir um die Ecke."
Jorge Luis Borges schrieb in seinem autobiographischen Bericht (nachzulesen in
Borges lesen): auch wenn er einige gelungene Erzählungen geschrieben hätte, hielte er die "Chroniken", die er zusammen mit Bioy Casares verfasst habe, immer noch für die gelungensten Werke, an denen er (mit)gewirkt hätte. Diese Einschätzung mag von einem Autor, der die Moderne mit seinen eigenen Erzählungen, den
Fiktionen und der
Universalgeschichte der Niedertracht, so nachhaltig und visionär beeinflusst hat, wie eine Flucht- oder Bescheidenheitsaktion wirken; doch obgleich ein paar von Borges Ideen und Geschichten mir besser gefallen als die Travestien und satirischen "Sketche" in diesem Buch, stimmt es doch, dass sie die Vollendung von Borges Werk sind, thematisch und formal.
Adolfo Bioy Casares (in Deutschland allerhöchstens bekannt wegen dem Roman
Morels Erfindung) und Borges waren über lange Zeit eng befreundet, schrieben zusammen unter dem Pseudonym B. Suarez Lynch einen (sehr bizarren) Kriminalroman (in
Mord nach Modell) und unter dem Namen H. Bustos Domecq Kriminalerzählungen, Satiren und Phantasien, wobei, wie Borges später sagte, es Bustos Domecq irgendwann tatsächlich, auf gewisse Art, gegeben hätte, weil: "Er entwickelte seine eigenen Schreibgewohntheiten und einen grässlich-barocken, zum Teil albernen Stil, den wieder Bioy noch ich beeinflussen konnten. Wenn er eine Geschichte erzählte, begriff er oft nicht, worum es in seiner eigenen Geschichte tatsächlich ging."
Zwielicht und Pomp versammelt die beiden Sammlungen der "Chroniken" und "Neue Geschichten von Bustos Domecq". Während letztere mehr ein unterschwellig stark satirischer Aufmarsch von Parodien und Sketchen sind, voller schräger Typen und abstruser Handlungen, aber eben doch eher "Geschichten" im klassischen Sinne, sind die Chroniken wirklich ein Meisterwerk, ein Ideenkabinett, dass so ziemlich alle Ausuferungen post(post)moderner Kunst vorwegnimmt und einige von Borges eigenen früheren Ideen auf die Spitze treibt.
Borges und Casares erzählen hier durch Domecq von dessen Betrachtungen und Begegnungen mit fiktiven Künstlern. Allesamt sind diese jedoch keine wahren oder zumindest keine normalen Künstler, sondern... naja, es sei soweit gesagt: Es dauert manchmal ein-zwei Seiten bis man dahinter kommt, was dieser Künstler denn eigentlich macht und warum er es Kunst nennt.
Kann man es Kunst nennen?, fragte ich mich dann oft sofort, sobald ich begriff. Fatalerweise ist oft tatsächlich nur ein Katzensprung von der heutigen modernen Kunst zu den philosophisch wie philologisch durchaus interessanten Kunstexzessen, die Borges und Casares vor beinahe 60 Jahren aufgeschrieben haben! Durch die Bank weg, sind alle Ideen und Texte dieser Sammlung genial!
Wer ein unterhaltsames, einfaches Buch sucht, ist hier wahrscheinlich trotzdem nicht richtig. Wer aber Spaß an intelligenten Parodien und Irrigkeiten hat und sich nicht an einer etwas gestellt gestelzten Sprache stört, der wird Bustos Domecq und seine Chroniken als geradezu kultverdächtige Anomalien der Literatur empfinden - als Vollendung und kleinen Zusatz zu dem wunderbaren Werk, das Jorge Luis Borges uns hinterlassen hat.