Mit dem Album - Zwesche Salzjebäck un Bier - legten BAP erneut eine großartige, und von den Texten her gesehen hochanspruchsvolle, ja teilweise sogar hochintellektuelle Platte vor, die vor allem Mitten in das Herz der kalten Deutschen Gesellschaft traf; eine Gesellschaft, die Großteils schon damals fast täglich bis zum Sendeschluss vor der Glotze herumgammelte, sich Unmengen Salzgebäck und Bier rein schob, und nicht selten dabei auch einpennte. Tja, schon damals war mit der Deutschen Gesellschaft buchstäblich Sendeschluss, vor allem, was das kalte Leben und das allgemeine oder besser gesagt anonyme Zusammenleben betraf. Wir sprechen also von einer Gesellschaft, die eigentlich nur noch nebeneinanderher lebt, anstatt miteinander zu leben. - Oder kennt irgendjemand vielleicht die Familie oder die Menschen, die zwei Straßen weiter im dritten Haus auf der linken Seite im ersten Stock wohnen? Wahrscheinlich nicht, oder wenn überhaupt dann nur zufällig.
Es ist schon ein interessantes, um nicht zu sagen trauriges gesellschaftliches Phänomen bzw. Armutszeugnis, dass wir Menschen, die nur 50 Meter weit von uns entfernt wohnen nicht kennen, und in der Regel auch zwanzig Jahre später noch nicht kennen. Vor knapp sechs Monaten ist bei mir um die Ecke eine neue Familie eingezogen. Bisher war ich der einzige "Nachbar", der an ihrer Tür geklingelt hat. Auch ein Ungarischer Bürgermeister, der vor zwei Jahren zusammen mit zwei Gemeinderäten bei mir zu Besuch war, fragte mich völlig verwundert, wo denn die Deutschen Menschen und die Nachbarn wären, und warum sie bei einem so schönem Wetter wie heute nach Feierabend nicht zusammen säßen, und gemeinsam etwas Essen und Trinken - sprich LEBEN würden.
Aber diese Beispiele sind ganz typisch für unsere Deutsche Gesellschaft, die schon damals 1984, dem Erscheinungsjahr von - Zwesche Salzjebäck un Bier - nach der Arbeit oder nach dem Vereinsleben nach Hause kam, die Kiste einschaltet, und sich danach bis zum Sendeschluss - der Nationalhymne - einfach nur berieseln ließ.
BAP bringen diese kalte gesellschaftliche Atmosphäre und auch ihre soziale Kritik auf ihrem Album - Zwesche Salzjebäck un Bier - mit sprudelndem Wortwitz in elegantem Sprachjargon, kombiniert mit einer großen vielfältigen Spielfreude, ganz genau auf den Punkt.
Neben sehr ernsten und nachdenklich getragenen Songs wie - Bahnhofskino und Sendeschluss - gibt es eine gehörige Portion Rock'n'Roll sowie bluesangehauchte Stücke zu belauschen, bei denen Niedecken und Co auch ihre drei großen Wünsche äußern. Das Bahnhofskino zwischen Salzgebäck und Bier ist ganz großes Musik-Kino, und für mich eine der besten BAP-Platten überhaupt.
Die Bonus-CD, der hervorragend remasterten Ausgabe, ist zwar mit fünf Songs ein bisschen dürftig ausgefallen; sie enthält aber den Titel - Nackt im Wind - der seinerzeit als Hilfssong für Afrika produziert wurde. Eine Anschaffung lohnt sich aber für alle eingefleischten BAP-Fans, die dieses großartige Album auch mal in einer richtig guten Soundqualität genießen wollen.