"Erschrecken Sie nicht, ich habe die Pest." warnt Zweiwasser, der Verfasser hellsichtiger Gesellschaftsutopien. Eigentlich ein unauffälliger Mann, der nur ab und zu und eher beiläufig ein paar Brandsätze in Papierkörben hinterlässt. Seit zehn Jahren belagert Zweiwasser hartnäckig die Bastionen des Verlagswesen mit seinen Manuskripten. Und weil die keiner haben will, hält er sich für einen modernen Odysseus. Doch eines Tages hat er die Chance, in den Bauch des Trojanischen Pferdes zu kriechen. Die Nischenbewohner des Literaturbetriebs, die Helden und Stati-sten der Verlage, Feuilletonredaktionen und Literaturwettbewerbe geben sich in Thomas Lehrs Roman ein groteskes Stelldichein. Sie alle sind durch Zufälligkeiten verbunden, streifen einander kurz, wenden sich ab, knallen wieder zusammen. Die feinen Fäden zwischen ihnen verwandeln sich in gefährliche Schlingen. Sie verketten die Figuren zu einem atemlosen Reigen der irren Begierden und absurden Tode. Der Verlagsdirektor treibt`s mit seiner Zweitfrau auf einem dicken Teppich aus abgelehnten Manuskripten. Ein Kritiker stirbt stilecht mit einer messerscharfen Füllhalter in der Kehle. Ein Dichter schafft den Durchbruch, indem er mit dem Schädel das Schaufenster einer Buchhandlung zerschmettert. Und die amazonenhafte Lektorin Thea Pinsel erwischt es bei einem allzu heftigen Koitus: sie hat während des Höhepunkts auf den Bildschirm eines 686er(!) PCs gestarrt, der just in diesem Moment Zukunftsvisionen von sich gab. Man spürt den jahrelangen Flirt des Autors mit den exakten Wissenschaften. Hier ist ein analytischer Kopf am Werk, der seine Umwelt mit scheinbar mitleidslosem Interesse seziert. Der glücklichen Hand des Dichters, seiner entwaffnenden Ironie und der Ausdruckskraft seiner bizarren Bilder wiederum ist es zu verdanken, dass daraus alles andere als ein trockener Traktat wurde. Bruchstücke aus der Chaostheorie, mythologische Metaphern, Science-Fiction-Klischees und Anklänge an die Philosophiegeschichte verschmelzen zu einem bitterbösen Sittengemälde der Postmoderne, an dem nicht nur hoffnungslose Zyniker ihre Freude haben dürften. "Letztlich zerstreute sich die Welt wider alle Härte des Anorganischen, wider die fraktale List des Chaos und des Lebendigen. Dann regierte der zweite Hauptsatz der Thermodynamik das Universum." sinniert der Verlierer Meinhardt angesichts der schwarzen Qualmwolke, nachdem er sein Lebenswerk den Flammen übergeben hat. Weisheiten dieser Art machen den Roman zu einem Leckerbissen für erfolglose Poeten, Hobby-Philosophen und Biochemiker - und für alle, die Skurrilitäten lieben.