Ich habe mir Zweite Person Singular gekauft, nachdem ich den Artikel über Buch und Autor im Spiegel gelesen habe. Meine Motivation war zunächst nur die, dass ich den Autor als Person sehr interessant fand. Ich hoffte durch ihn einen anderen Blick auf das Land zu bekommen, denn wenn man hier in Deutschland mit Menschen über Israel spricht, sind sie entweder ganz auf der Seite der Palästinenser oder auf der der israelischen Juden, das kam mir immer zu einfach vor. Und in der Tat zeigt uns Kashua, dass die verschiedenen Identitäten keineswegs nur zwischen den verschiedenen Volksgruppen verlaufen, sondern auch durch die Menschen selbst. Das allerdings ist nicht weniger dramatisch, wie die Lektüre von Zweite Person Singular zeigt.
Da ist zum einen der erfolgreiche arabische Rechtsanwalt, der sich furchtbar danach sehnt, so zu sein wie seine jüdischen Kollegen und sich für seine arabische Herkunft schämt. Er ist mit einer Sozialarbeiterin verheiratet und hält sich für sehr fortschrittlich, weil er ihr erlaubt zu arbeiten, obwohl sie mehr Geld zur Verfügung hätten, wenn sie zu Hause bleiben würde. Er verkehrt regelmäßig in einem Buchladen um sich die neusten literarischen Erscheinungen zu kaufen, er trifft sich mit seinen nicht minder erfolgreichen Kollegen und deren Frauen zu politischen Diskussionsrunden und fährt ein teures deutsches Auto. Doch was immer er auch tut, immer hat er das Gefühl, dass er von den Juden nicht richtig ernst genommen wird - vielleicht weil er es zu sehr versucht (etwas, das wir wohl alle kennen). Als der Rechtsanwalt schließlich auf ein vermeintliches Zeugnis einer Affäre seiner Frau trifft, brechen all seine Gewissheiten auseinander und wird zu einem wahnsinnigen archaischen Mann..
Der zweite Strang des Romans erzählt von dem Sozialarbeiter Amir, der in Jerusalem ein recht lust- und freudloses Leben führt. Doch eines Tages nimmt er eine Stelle als Pfleger bei dem komatösen jüdischen Jungen Jonathan an. Amir beginnt während seiner Nachtwachen in das alte Leben von Jonathan zu tauchen. Er hört seine CDs, schaut sich die Fotoalben an, ließt die Jahrbücher und entdeckt eines Tages die Kamera von Jonathan, zu der er schnell eine tiefe Liebe entdeckt. Immer tiefer begibt sich Amir in die Welt des jüdischen Jungen und allmählich übernimmt er Jonathans Identität, lässt sich einen Pass mit seinem Foto auf Jonathans Namen ausstellen und bewirbt sich unter diesem an einer renommierten Fotoschule.
Gegen Ende des Buches kreuzen sich die Wege der beiden. Ich möchte nicht verraten wie oder warum, aber dieses Kreuzen hat Kashua so meisterhaft inszeniert, dass einem wirklich der Atem stockt. Das Buch ist ein echter Page-turner, es hat mich zwei schlaflose Nächte gekostet. Es ist sehr leicht zu lesen, ist aber alles andere als dumm oder oberflächlich. Beeindruckend, wie der Autor es schafft, in dieser einfacher Sprache und mit einem unglaublich tragischem Witz diese Geschichte zu erzählen, in der ich mitgelitten habe, wie kaum in einem anderen Buch.
Das Buch ist sehr politisch und lässt sich angesichts der erneut aufflammenden Konflikte in Israel, aber auch der Aufstände im gesamten arabischen Raum lesen. Zudem ist es zwar ein Buch über Israel, doch sind die Probleme die es verhandelt - Identität, das Streben um Anerkennung, Liebe Eifersucht - so universell, dass es für jede/n Leser/in eine bereichernde Erfahrung sein wird. Ich habe in diesen 400 Seiten jedenfalls auf höchst vergnügliche Weise sehr viel gelernt. Von mir eine klare Kaufempfehlung.