Ich bin an dieses Buch offen und guter Dinge herangegangen. Aber schon auf den ersten Seiten wurde mir klar, dass Hellingers Frauenbild im Dritten Reich stecken geblieben ist ("die Erfüllung einer Frau liegt darin, viele Kinder zu bekommen"), dass sein Männerbild immer noch den von Trieben gesteuerten und von Frauen in die Enge gedrängten Mann widerspiegelt ("Er ist ja sozusagen das arme Schwein") und seine Sicht von Eltern und Elterschaft völlig überhöht und komplett unzeitgemäß ist.
Besonders abstoßend fand ich allerdings, was er zum Thema sexuellem Missbrauch behauptet und empfiehlt (S. 115-126): Inzest mit der Tochter sieht er als Folge der sexuellen Verweigerung der Mutter: "..aber es ist unfair, dann die Schuld beim Mann zu suchen"; "..sie (die Frau) hat dann auch die Verantwortung, und nicht der Mann". Als Lösung für das missbrauchte Kind bietet Hellinger an, nicht die Leidende zu spielen ("Dramatisierung"), sondern in der Aufstellung zu sagen: "Mama, für dich tue ich es gern". Strafverfolgung der Täter lehnt er rundweg ab, statt dessen empfiehlt er: "...dass das Opfer sich vor dem Täter verneigt" (S. 126).
Mir ist völlig unverständlich, dass so viele Hellinger wie einem Guru hinterherlaufen, einem ehem. Missionar, der keine Ausbildung zu Ende gemacht hat, anerkannte Psychologinnen mit beißendem Spott überzieht, anstatt sich sachlich mit deren Ansätzen auseinander zu setzen, und letztlich etwas als neue Idee verkauft, was, wenn man genau hinsieht, von vielen anderen zusammengeklaut ist. Seine Argumentation ist holzschnittartig und hält einer auch nur ansatzweise wissenschaftlichen Überprüfung nicht im mindesten Stand. Berechtigte Fragen oder Kritik bügelt er mit Hohn und altväterlicher Besserwisserei ab. Der Mann überschätzt sich selbst maßlos. Das wäre an sich ja nicht schlimm, aber da es bei Psychotherapie um die (sehr verletztliche) menschliche Seele geht, ist Vorsicht geboten.