Charmant kokettiert die Autorin Janet Malcolm zu Beginn Ihres Essays mit ihren ersten Leseerfahrungen des "Kochbuch von Alice B. Toklas". Damit schafft sie gleich eine Nähe zum Leser, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollte, das die Literaturwissenschaftlerin nicht zugleich eine wirklich exzellente Kennerin von Leben und Werk der Schriftstellerin Gertrude Stein und ihrer Lebenspartnerin Alice B. Toklas ist.
In diesen biographischen Notizen geht sie auch ausführlich auf die eigentliche Unlesbarkeit von Gertrude Steins Texten ein.
Damit trifft sie vielleicht den wundesten Punkt vieler Leser, denn wenngleich die beiden Amerikanerinnen in Paris eine große Anziehung auf Literaturinteressierte seit Generationen haben, bleibt das Werk Gertrude Steins doch von den meisten aufgrund seiner Hermetik ungelesen. Wer kann sich schon rühmen "The Making of Americans" tatsächlich gelesen zu haben.
"Gertrude und Alice" porträtiert zwei ungewöhnliche Frauen mit klarer Rollenaufteilung: Gertrude das Genie und Alice die Pragmatische und entzaubert nebenher auch den Mythos, den beide um ihre Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs gesponnen haben.
Eine herkömmliche Biographie ersetzt der kurze Text von Janet Malcolm nicht. Sie setzt eine gewisse Eingeweihtheit in das Leben beider Frauen voraus. Auch geht sie keiner Chronologie nach, sondern reiht in einer wirklich sehr eleganten Weise Gedankensplitter zu Gertrude Stein und Alice B. Toklas wie eine Perlenkette auf.
Dabei wird klar, wie sehr die beiden Frauen aufeinander angewiesen waren und auch, wie sehr diese lange Beziehung, die auf einen immer wieder wechselnden und sich wandelnden Freundeskreis so unumstößlich wirkte, belastet war.
Die Frage, ob Gertrude Stein wirklich der Platz in der Moderne gebührt, den sie seit Generationen einnimmt, ist nach der Lektüre dieses Bandes durchaus berechtigt.
Eine Einladung, sich noch einmal ausführlicher mit diesen beiden Frauen zu beschäftigen ist dieses Buch allemal.