Neue Zürcher Zeitung
Das verbotene Element
Hanan al-Shaykh: «Zwei Frauen am Meer»
Zwei junge Frauen an einem Strand der italienischen Riviera: Hoda, die Theaterregisseurin, kommt aus Kanada, Yvonne, Leiterin einer Werbeagentur, aus London. Beide stammen ursprünglich aus Libanon, Yvonne aus einer relativ liberalen christlichen Familie, Hoda aus einer streng religiösen muslimischen. Worin sie sich auf den ersten Blick unterscheiden, ist ihr Verhältnis zum Meer: Yvonne stürzt sich kopfüber in die Fluten, Hoda paddelt unbeholfen und ängstlich in Ufernähe. So mit sich und den Wellen allein, kommt jeder der beiden Frauen ein Tag am Meer in den Sinn, der ihrem Leben eine entscheidende Wende gab. Yvonne, deren Elternhaus am Meer lag, lernte früh schwimmen. Tauchen und Springen waren ihr allerdings verboten. In ihrer Lebensfreude, ihrem Übermut springt sie eines Tages doch von den Klippen. Eine drastische Prügelstrafe soll ihr klar machen, warum sie es nicht darf. Mit diesen Sprüngen, so die wütende Mutter, habe sie die Brüder «gebrochen, kastriert». Yvonne begreift: Als Mädchen hat sie sich unterzuordnen, darf ihre Brüder nicht überflügeln. Sie begreift auch: Wenn sie nicht verkümmern, wenn sie ein freies, eigenständiges Leben führen will, muss sie ihre Familie verlassen. Düsterer noch sah die Kindheit von Hoda im muslimischen Osten von Beirut aus. Heimlich, ohne Wissen der Eltern, geht sie mit anderen Mädchen des Viertels ins Frauenbad, ein von grauschwarzen Felsen überdachtes, nach drei Seiten hin durch Wände gegen die Aussenwelt abgeschirmtes Stück Meer, in dem dicht an dicht Frauen und Kinder planschen. Unter dem Vorwand, es gehe um die Einweihung einer schiitischen Berufsschule, fährt eines Tages ein junger fanatischer Nachbar den Vater Hodas zum Bad und lässt ihren Namen ausrufen. Gleichsam in Zeitlupe schildert dann Hanan al-Shaykh, wie der Vater, bekleidet mit schwarzem Turban und schwarzem Umhang, seine Tochter im Badeanzug erblickt, das Gesicht mit den Händen bedeckt, den Kopf hin und her wirft, als versuche er, Hoda für ihn plötzlich eine «mit Schande bekleidete» Fremde, die ihren Körper «Männern offenbart» vor dem Ertrinken zu retten. Das sind Höhepunkte des mit zahlreichen Rückblenden und an seinen dichtesten Stellen mit melodramatischen Effekten des Kinos, mit Zoom, Zeitlupe und Bildwiederholung arbeitenden Romans. Wie ihre beiden Protagonistinnen stammt die Autorin aus Libanon. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs reiste sie zunächst nach Saudiarabien, 1982 nach London, wo sie heute als freie Schriftstellerin lebt. Themen ihrer Bühnenstücke, Kurzgeschichten und Romane sind immer wieder die Beziehungen zwischen den Generationen und den Geschlechtern und ihre Verdüsterung oder Zerstörung durch patriarchalische Verhältnisse, religiöse Engstirnigkeit und autoritäre Politik. Das sind brennende Probleme vieler arabischer Länder, die auch im Zentrum anderer zeitgenössischer arabischer Schriftsteller stehen. Hanan al-Shaykh beleuchtet sie aus der Sicht von Frauen, die die ersten Schritte der Emanzipation hinter sich haben, für die es kein Zurück mehr gibt und die nun erfahren, wie viel noch zu tun bleibt. In der literarischen Verfahrensweise recht konventionell, bringt dieser Roman doch gut eine Stimmung zum Ausdruck, bei der das Bewusstsein, auf dem einzig richtigen Weg zu sein, dauernd durch das Gefühl irritiert wird, auf einem endlos scheinenden Weg dem Glück nur wenig näher zu kommen. Renate Wiggershaus
Kurzbeschreibung
Im Schatten von Pinien gehen zwei Frauen in Italien am Meer spazieren. Mit dem Wasser, das ihre Füße umspült, kehrt die Erinnerung an ihre Kindheit in einer anderen Welt mit anderen Gesetzen zurück: an das Beirut der sechziger Jahre. Yvonne wächst in einer liberalen christlichen Familie in einem Haus am Meer auf; Hoda weit vom Wasser entfernt, im muslimischen Osten Beiruts, wo schon der Besitz eines Badeanzuges als Verbrechen gilt. Für Yvonne ist das Mittelmeer die selbstverständliche Kulisse erster Lieben und kleiner Triumphe; Hoda muss das Schwimmen im Verborgenen lernen, hinter den Mauern einer Badeanstalt, die einem lichtlosen Gefängnis gleicht. Yvonne und Hoda erinnern sich an eine Zeit voller Geheimnisse und Fluchten, in der das Schwimmen Freiheit, aber auch Furcht bedeutet.Hanan al-Shaykh erzählt mit Witz, großem Charme und scharfem Spott von den Abenteuern zweier Grenzgängerinnen zwischen Eros und Politik, die über alle Distanzen hinweg verbunden sind durch ihre Erinnerungen und ihre erste Begegnung mit dem Meer."Sie gingen über rote Erde. Ein kleiner Weg führte hinab zum Meer. Hoda suchte eine schattige Stelle unter den Bäumen, aber Yvonne wollte lieber in der Sonne sitzen, direkt am Wasser. Am Ufer breiteten sie ihre Handtücher aus, Yvonne streifte ihre Shorts ab. Hoda zögerte noch, ihren Rock auszuziehen; das Licht oder die Luft, irgendetwas schien sie daran zu hindern. Doch da ergriff Yvonne ihre Hand, und sie rannten gemeinsam ins Wasser."