"Zwei Frauen" handelt von der 35jährigen Laura, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben in eine Frau verliebt. Diese Frau ist Sylvia, und Laura schreibt die Geschichte ihrer kurzen Liebe auf, scheinbar in der Mitte der Ereignisse: sie ist auf dem Weg zu ihrer verstorbenen Mutter - eine Ablenkung, über die sie froh ist, denn sie läßt ihre tote Geliebte hinter sich. So wird die Zukunft für Laura wohl mit einer Beerdigung beginnen. Ich war neugierig: wie schreibt ein Mann, noch dazu Harry Muhlisch, aus der Perspektive einer Frau über so ein Thema? Er schreibt es einfach so, dass es glaubwürdig und nachvollziehbar ist. Es sind also zwei Frauen, die zueinander finden, wobei Sylvia als eine Person beschrieben wird, die "eigentlich nicht zum Leben anderer Menschen dazugehört, ein Gast ist, und sich Menschen auswählt, um zu existieren". Das hatte auch Laura gespürt aber auf den Punkt bringt es Alfred, ihr geschiedener Ehemann, an den sie Sylvia scheinbar verloren hat. Gerissen wie Sylvia ist auch der Zeitenwechsel in Muhlischs Buch. Da sitzt Laura auf den Stufen eines Denkmals mitten in der Stadt "umgeben vom brodelnden Verkehr mit seinem Gestank und seinen Wutanfällen", weil sie über ihr Leben nachdenken will. Da kommt jemand auf sie zu und noch in dem Moment, in dem der Fremde überlegt, "ob sie es ist oder nicht", ist man schon mittendrin in der erinnerten Geschichte, als sie mit diesem Jungen, der jetzt ein Mann ist, in der vierten Klasse war. So als würde auf diesem Platz einfach eine Tür ins Klassenzimmer geöffnet und genauso unvermittelt wieder geschlossen werden. Dieses Buch ist wie ein Weihnachtskalender, an dem sich wie von selbst Türchen öffnen. Erst am Schluss sieht man das ganze Bild. Und zwischendurch durfte man, wie Laura, köstliche Süssigkeiten naschen. Nur der letzte Bissen bleibt einem im Halse stecken...