In den „Zwei Ansichten", einer letztendlich an westdeutscher Oberflächlichkeit und vielleicht auch ostdeutschem Pragmatismus scheiternden Liebesgeschichte, geht es wesentlich um Fluchthilfe.
Einerseits in der Mitte der 60'ger Jahre ein sehr sensibles Thema, andererseits ein Thema mit hohen biografischen Bezügen. Der Roman ist zweien der Fluchthelfer von Johnsons Frau gewidmet und der Ablauf der Flucht der D. soll der tatsächlichen Flucht entsprechen.
Unter den Romanen Johnsons fristet dieses Buch ein eher kümmerliches Dasein. Nicht zuletzt Gesine Cresspahl weigert sich in den Jahrestagen, die „Ansichten" zu lesen.
Zu unrecht, wie ich finde. Es ist glänzend geschrieben. Beispielhaft möchte ich nur die Beschreibung der holsteinischen Kleinstadt herausheben: die ist derart gelungen, daß in mir sogleich ein Gefühl von Heimat entstand. Auch wie durch Verwendung bestimmter Begriffe eine alle Sinne ansprechende Erinnerung entsteht, ist Jüngeren vielleicht nicht mehr zu vermitteln, aber allein das Wort „Drehklingel" lies vor meinem Auge den Hausflur, die Treppe, die Tür mit dem Namensschild meines Großvaters entstehen, ich meinte Bohnerwachs und Essensgerüche wahrzunehmen.
Anreize für solche Bilder können nur entstehen, wenn man ähnliche Erinnerungen hat, daher bilden sie auch nicht die Grundlage für meine Empfehlung dieses Buch zu lesen.
Grundlage ist vielmehr der bereits abgebildete Kern für die vielerorts vorhandene Unfähigkeit der West- die Ostdeutschen zu verstehen und umgekehrt.
Liest man dies Buch genau, dann findet man Stellen, in denen beschrieben wird, daß die öffentliche Berichterstattung die DDR als einen nicht belebenswerten, aufgegebenen Ort schildert; daß in der kleinstädtischen Presse die Furcht, die fortschreitende Berichterstattung über die Abschließung eines Staates könne lokale Anzeigenkunden und Abonnenten vergraulen, dazu führt die Berichterstattung zurückzufahren; daß beim balzenden Mann Selbstbewußtsein und Siegeszuversicht steigen, als er von der ostdeutschen Staatsangehörigkeit der Frau erfährt. Auf der anderen Seite die Hoffnung der ostdeutschen Krankenschwester, im Falle einer Wiedervereinigung würde wenigstens das ostdeutsche Gesundheitssystem übernommen werden.
Dies alles bereits Mitte der 60'ger Jahre beschrieben macht deutlich, wie schwer es ist, einander vorurteilsfrei zu begegnen, um ohne Mauer zusammenzuleben zu können.
Ich halte die „Ansichten" daher für wichtiges & nicht genau genug zu lesendes Buch.