Dreimal dreizehn Geschichten präsentiert uns der "Geschichtenerzähler" (Eigenbezeichnung) Otfried Preußler in diesem Buch, Geschichten, die ihren Ursprung in der deutschsprachigen Volkssage haben. Dass Preußler selbst ein ganz herausragender Geschichtenerzähler ist, hat er in unzähligen Büchern für kleine und große Kinder unter Beweis gestellt ("Der Räuber Hotzenplotz", "Die kleine Hexe", "Die Abenteuer des starken Wanja", etc., etc.). Dass er auch ein famoser Geschichten-Nacherzähler sein kann, belegt er in diesem Band.
Das Buch ist, wie der Untertitel erwarten lässt, in drei Abteilungen gegliedert: Von "Schätzen und ihren Hütern" handelt der erste Teil, von "Hexen und Zaubermeistern" der mittlere und von "armen Seelen und mancherlei Geisterspuk" der letzte. Vom Schlesischen bis ins Tirolerische, vom Norddeutschen bis ins Bayerische reicht dabei die geografische Streuung. Otfried Preußler erzählt Sagen nach - darunter allseits bekannte, weniger bekannte und fast gänzlich unbekannte -, und zwar wie er es für richtig und am passendsten hält. Weil kaum ein Sagenstoff über nur einen narrativen Ablauf verfügt, sondern, je nach Gegend, in abgewandelter Form überliefert ist, hat Otfried Preußler sich die Freiheit herausgenommen, die jeweiligen Geschichten bei unterschiedlichen Vorlagen nach seinem Gusto zu gestalten. Das ist nicht zu ihrem Nachteil. Ebenfalls nicht zu ihrem Nachteil ist, dass er die Sagen in seinem Duktus nacherzählt - mit dem ihm eigenen Gefühl für die angemessene, auch regionaltypische, mit anderen Worten: die richtige Volkssagensprache.
Wie uns Otfried Preußler zum Beispiel die Geschichte vom Doktor Johannes Faustus präsentiert, der im Pakt mit dem Teufel seine Seele hergibt, ist höchst eindrucksvoll. Auch die schelmisch-lehrreiche Geschichte vom Pumphutt, den wir bereits aus Preußlers Meistererzählung "Krabat" kennen, ist ein herausragendes Exempel Preußlerscher (Nach-) Erzählkunst, genauso wie noch viele andere Geschichten in diesem Band (übrigens ist auch dem früheren wendischen Betteljungen Krabat eine der 39 Geschichten gewidmet). Neben einigen Sagen über Schätze und Gespenster haben es mir besonders die Geschichten aus der Abteilung "Hexen und Zaubermeister" angetan.
Nur sehr selten, bei der Sage von Störtebekers Schatz etwa, empfand ich, dass es durchaus bessere Sagenstoffe um diesen Seeräuber aus dem 14. Jahrhundert gibt; Geschichten, die stärker und unmittelbarer mit seiner Person verknüpft sind und deshalb größere Spannung evozieren könnten.
Die eigentlichen Betrübnisse des Bandes liegen jedoch nicht in des Autors Verantwortung. Der renommierte Thienemann-Verlag aus Stuttgart, der auch viele andere Werke Preußlers verlegt, hat offensichtlich bei der Druckerei gespart, denn das Buch ist zwar gebunden, aber leider nicht in hochwertiger Fadenheftung (dagegen ist das Papier immerhin auch für kleinere Kinderhände angemessen dick und gut greifbar). Bedeutend schwerer wiegt jedoch, dass die insgesamt 20 Schwarz-weiß-Zeichnungen von Dietrich Lange den Band zwar zu illustrieren, aber nicht zu bereichern vermögen. Der verlegerische Klappentext meint freilich, dass "die Illustrationen von Dietrich Lange die Atmosphäre der Texte genau (treffen) und (...) dem Buch (...) seinen zusätzlichen Reiz (verleihen)"; ich bin jedoch entschieden anderer Meinung: Langes Illustrationen werden der Qualität der Geschichten in keiner Weise gerecht, sie sind seelenlos und oberflächlich. Offensichtlich konnte oder wollte der Verlag zum Beispiel nicht Herbert Holzing, der andere Bücher Preußlers kongenial illustriert hat, für diese Aufgabe gewinnen. Schade drum. Und deshalb: ein Stern Abzug.
Zwei letzte Anmerkungen: Der Text wurde 2000 auf die neue Rechtschreibung umgestellt; das Buch ist geeignet zum Vorlesen für Kinder ab 5 Jahren und Selberlesen für Kinder ab 8 Jahren (bis jeglichen Alters).