"Mit Susan Sontag ehren wir eine Schriftstellerin, deren erzählendes und essayistisches Werk den Begriff und den Wert der westlichen Kultur untersucht und verteidigt. Mit großer analytischer Schärfe hat sie seit den sechziger Jahren die Ausprägungen der dynamischen Alltagskultur und ihre Bedeutung für unsere Vorstellung von Modernität und Freiheit beschrieben. Durch ihre Arbeit, die nie das europäische Erbe aus dem Blick verlor, ist sie zur prominenten intellektuellen Botschafterin zwischen den beiden Kontinenten geworden."
Als sie mit dieser Begründung des Stiftungsrates 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, war ein bewegtes intellektuelles Frauenleben schon fast zu Ende gegangen.
Ende 2004 starb eine Frau, deren Leben und Schreiben in Amerika immer wieder für großes Aufsehen sorgte und mehrmals nicht unwesentliche Diskurse anschob. Dabei blieb sie immer widersprüchlich, wechselte ihre Meinung, wenn sie das für nötig hielt, und ließ sich zu keiner Zeit in irgendeinen Mainstream einordnen.
Nach dem 11.September 2001 wurde das noch einmal ganz deutlich, als sie sich zunächst, in Berlin weilend, jedem Kommentar verweigerte, dann aber einen Text vorlas, in dem sie wie andere linke Intellektuelle nach ihr auch, einen Zusammenhang zwischen den Terroranschlägen und der globalen Politik der Vereinigten Staaten herstellte. Eine große Mehrheit der liberalen Amerikaner reagierte mit großer Empörung, und auch ich habe das damals nicht verstanden. Später allerdings revidierte Susan Sontag einiges von ihren Aussagen, um aber umso heftiger gegen den Angriff der USA auf den Irak zu polemisieren. Als sie ihr letztes Buch mit dem Titel "Das Leiden der anderen betrachten" veröffentlichte, kehrte Susan Sontag gegen Ende ihres bewegten Lebens wieder zu ihrem ureigensten Genre, dem Essay, zurück.
Das zentrale Thema dieses letzten Buches ist die Rolle der Kriegsfotografie im zivilen Verständnis von militärisches Gewalt und deren menschlichen "Kosten". In gewisser Weise knüpft sie damit an an ihren 30 Jahre vorher erschienen Band "Über Fotografie".
Arturo Perez-Reverte hat jüngst in "Der Schlachtenmaler" diese Diskussion in Form eines genialen Romans geführt.
Der vorliegende Band von Aufsätzen und Reden von Susan Sontag, von Reinhard Kaiser übersetzt und mit einem Vorwort des Sohnes von Susan Sontag, David Rieff versehen, gibt einen guten Überblick über ihr Schaffen und ihre Gedanken der letzten Lebensjahre. Die Texte stammen ausnahmslos aus den ersten Jahren der neuen Jahrtausends, unter anderem ist ihre schon erwähnte Auseinandersetzung mit der amerikanischen Politik und Öffentlichkeit nach dem 11.9. 2001 in mehreren Aufsätzen dokumentiert. Absolut lesenswert ist ihre Dankesrede Literatur ist Freiheit", die sie bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2003 in Frankfurt gehalten hat.
Susan Sontag erlag dem Krebs, einer Krankheit, mit der sie ein Leben lang kämpfte und der sie 1978 in "Krankheit als Metapher" (deutsch 1981) ein eigenes Buch gewidmet hatte, das damals eine große Rezeption hatte, weit über ihre sonstigen Leserschichten hinaus.
Susan Sontag war eine ganz außergewöhnliche Intellektuelle, wie es sie so wohl nur in den USA geben kann. Ein Rezensent in Amerika beschrieb die Qualität und die Aura ihrer Texte der letzen Lebensjahre so:
"Die Melancholie und die gelegentlich bittere Weisheit von Susan Sontags letzten Schriften entstammen eher einer leidenschaftlich engagierten amerikanischen als einer europäischen Sensibilität - eine Sensibilität, die nicht nur aus der Vergangenheit gelernt hat, sondern auch, indem sie sich heftig mit der Gegenwart auseinandersetzt, die Zukunft zu erraten vermag."
Ja, wir brauchen die Literatur um unsere Welt zu erweitern, wie sie einmal geschrieben hat.