Es ist ja nicht so, dass keine Essays mehr geschrieben würden. Immer mal wieder gibt's einen im "Spiegel", in der "Zeit" und regelmäßig natürlich auch in "Lettre International". Sucht man aber auf dem Buchmarkt nach einer interessanten Sammlung neuerer Essays, so steht die von Höllerer und Schleider edierte Anthologie ziemlich allein auf weiter Flur. Das wäre allein ja fast schon ein Argument für den Kauf. Der Band überzeugt aber ganz entschieden auch inhaltlich.
Zu Wort kommen hier 21 Autoren, die sich zumeist in anderen Genres einen Namen gemacht haben, hier aber für eine breite Palette spannender und unterhaltsamer Essay sorgen (S. Lewitscharoff, H. Müller, P. Härtling, M. Streerwitz, W. Genazino, um nur einige zu nennen). Thematisch ist das Spektrum so breit wie bei Montaigne: Alles, was Menschen bewegt - das Alter, die Religion, Kunst, Politik, Literatur, Einsamkeit, das Rauchen, das Soldatische und schließlich auch die (vielleicht zweifelhafte) Legitimität des Essayschreibens - ist den hier versammelten Essays ein würdiger Gegenstand. Und auch stilistisch reicht die Lektüre dieses Bandes zumindest für die Einsicht, dass Essays sich weder in der Form der Gedankenführung noch im Ton der Erörterung auf ein dominantes Schema festlegen lassen.
Das Buch sei allen am Essay Interessierten wärmstens empfohlen. Und wenn man sich vom Verlag was wünschen darf: Wenn das Buch mal vergriffen ist, bitte bald eine Neuauflage!