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Der marxistische Einzelgänger Leo Kofler in Aufsätzen
1945, bei der Sichtung des Materials für seine nach wie vor lesenswerte Monographie «Wahrheit und Ideologie», mit der er 1946 das Fundament legte für seine Zürcher Philosophieprofessur, war Hans Barth, damals Feuilletonredaktor der NZZ, auf eine beachtliche Neuerscheinung gestossen: «Die Wissenschaft von der Gesellschaft» eines gewissen Stanislaw Warynski. Konrad Farner, seines Zeichens Lektor beim Berner Francke-Verlag, hatte das Manuskript des offenbar polnischen Debütanten 1944 in einer Reihe soziologisch-historischer Studien und neben Arbeiten bereits etablierter Autoren wie Croce, Ferrero, Schumpeter und Alfred Weber veröffentlicht. Barth nannte das Warynski-Produkt (NZZ vom 3. 3. 45) «ein instruktives, in vieler Hinsicht sehr anregendes und stellenweise etwas schwerfällig geschriebenes Buch» alles Eigenschaften, die auch die späteren Hervorbringungen des gleichen Verfassers charakterisieren sollten. Zu loben fand Barth vor allem, dass der Marxismus in dieser Ausprägung, durch die Rückbesinnung auf Hegel und die Diskussion des Problems der menschlichen (Selbst-)Entfremdung, die theoretische Sterilität der Stalin-Ära überwand und somit ernst genommen werden konnte.
Nachfolgend wurde publik, dass «Warynski» ein emigrationsbedingtes Pseudonym des österreichischen Juden Leo Kofler (19071995) war, der, ein Schüler des Austromarxisten Max Adler, 1938 beim «Anschluss» aus Wien hatte fliehen müssen. In einem Auffanglager in Basel interniert, besuchte Kofler dort als Gasthörer u. a. Werner Kaegis Vorlesungen über die Entwicklung der europäischen Städte im Mittelalter, welche dann in Koflers zweites und bekanntestes Werk, «Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft» (1948), einflossen. Mit einer Empfehlung Edgar Salins versehen, ging Kofler hernach in die sowjetische Besatzungszone, wurde habilitiert und erhielt eine Professur in Halle an der Saale, die er, nach schweren Konflikten mit der SED, schon 1950 überstürzt aufgeben musste. Ein Opfer des Kalten Krieges, lebte Kofler in der Bundesrepublik fast zwei Jahrzehnte lang am Rande des Existenzminimums, bis ihm erst 1972 wieder eine angemessene Stellung an der Universität, diesmal in Bochum, zuteil wurde. Von Biographie und intellektueller Statur her ist er vielleicht am ehesten (und nicht zu seinem Schaden) mit seinem einstigen Schweizer Mitexilanten Hans Mayer zu vergleichen. Deshalb darf es als verdienstvoll gelten, wenn nun, erstmals seit dreizehn Jahren, erneut ein Buch mit zuvor verstreuten kleineren Aufsätzen Koflers vorliegt, allerdings unter einem höchst irreführenden Titel.
Der Herausgeber, ein 1964 geborener Zeitgeschichtler, neigt leider zu Begriffslosigkeit und Halbbildung, die durch die dank der «Neuen Linken» inflationär verschlissenen Attribute «kritisch» und «engagiert» kompensiert werden sollen: So hält Christoph Jünke etwa die Dialektik für eine Kategorie (statt eine Methode) und scheint zu glauben, dass die inzwischen weidlich strapazierte Bezeichnung «westlicher Marxismus» von Perry Anderson stammt (sie stammt von Maurice Merleau-Ponty). Weil Jünke von Philosophie so gut wie nichts versteht, kann er sich erlauben, Kofler einen Philosophen zu nennen was dieser selbst für sich niemals reklamiert haben würde. Richtiger wäre es zu sagen, dass Kofler, ein bis zum Schluss orthodoxer (nicht: dogmatischer) Anhänger des «mittleren» Georg Lukács, mit der Frankfurter wie der Leipziger gegen die Kölner Schule darin übereinstimmte, dass die Soziologie ohne eine solide sozialphilosophische Basis nicht auskommt; dass, mit anderen Worten, über Kant als den genialsten Epistemologen hinausgegangen werden müsse. Im Übrigen haben, sosehr man das bedauern mag, der Neoliberalismus ebenso wie die CDU (bei der Kofler einen seiner letzten grossen, von den schamroten Epigonen gern verschwiegenen Auftritte absolvierte) Recht damit, dass Freiheit und Sozialismus unvereinbar sind.
Wenn also Kofler sich politisch so gründlich irren konnte, lohnt es sich dann überhaupt noch, ihn zu rezipieren? Durchaus, denn seine eigentliche Denkleistung wird davon kaum berührt. Sie liegt primär auf anthropologischem Gebiet, dessen Beackerung schon Barth bei «Warynski» angemahnt hatte. Dieser Forderung ist Kofler dann seit den fünfziger Jahren, parallel zu den und unter intensiver Bezugnahme auf die Antipoden Marcuse und Gehlen, nachgekommen. Ebenso originell wie spekulativ ist z. B. Koflers Verwendung der von dem sonst verworfenen Nietzsche entlehnten Begriffe von Apollinischem und Dionysischem, soll heissen von Arbeit und Spiel. Mit ihrer Hilfe versucht er nicht nur eine scharfsinnige Widerlegung des habermasschen Interaktionsmodells; auch Ágnes Heller wird im Ton konziliant, in der Sache deutlich getadelt. Sie hatte nämlich, erstaunlich genug, in ihrem Buch über das Alltagsleben eine Theateraufführung unter dem Typus der «folgenlosen» Handlung rubriziert als ob nicht ausgerechnet die Katharsis im Zentrum der Ästhetik ihres Lehrers Lukács stünde.
Wie Koflers in diesem Punkt treffender Einwand bestätigt, waren seine sämtlichen Interventionen (auch die häufig polemischen, ja sogar die selten schwachen) ausnahmslos inspiriert vom pädagogischen Eros; und das ist, gerade für die heutige Zeit, nicht eben wenig.
Stefan Dornuf
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