Friedrich Nietzsche (1844-1900) wertete wie kein anderer Denker vor ihm sämtliche gesellschaftlichen, menschlichen, politischen, künstlerischen und geschichtsdominanten Werte um. Seine Philosophie ist eigentlich eine lebensbejahende Philosophie, seine ganze Gedankenwelt dreht sich darum, einen neuen Menschentypus zu schaffen, einen "Übermenschen", einen über sich hinauswachsenden Menschen, der das nichtige, sinnlose, sich in Ewigkeit wiederholende Leben trotzdem bejaht und sich somit durch seinen Willen zur Macht zum dyonisischen Herrscher erhebt. Nietzsche kritisierte Sämtliches. Sein größter Hass jedoch galt dem Christentum mit seiner falschen, schwächenden Mitleidsmoral, sowie jeder Art von Scheinerkenntnissen und Oberflächlichkeit. Der so genannte hochgepriesene "Gutmensch" war für ihn alles andere als gut, der Mensch war geboren um zu herrschen und zu leben und nicht um sich unterdrücken zu lassen und dem schönen Schein zu erliegen. Er überwarf sich im Laufe seines Lebens mit sämtlichen großen Vorgeistern, wie Kant, Hegel, John Locke, aber auch mit seinen früheren Freunden Schopenhauer und Richard Wagner.
In seinem letzten Werk "Ecce Homo", worin Friedrich Nietzsche sich mit seiner eigenen Gedankenwelt befasst, schreibt Nietzsche über sein Werk "Genealogie der Moral" folgendes:
"Genealogie der Moral .. Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des Christentums: die Geburt des Christentums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt wird, aus dem "Geiste", - eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der große Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werte. Die zweite Abhandlung gibt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach außen hin sich entladen kann."
Zum Einen geht es Nietzsche in diesem Werk darum, das so genannte "Gute" und so genannte "Böse" zu hinterfragen. Womöglich ist das, was die Menschen unter "gut" verstehen, gar nicht so gut. Nietzsche verabscheut die "Gutmenschen", denn sie sind es, die den Menschen unterdrücken und schwächen. Die Moral muss laut Nietzsche erst entdeckt werden, denn er unterscheidet nur zwischen Herren- und Sklavenmoral, beides hat aber nichts mit Ethik zu tun, im Gegenteil, die Sklavenmoral entstand aufgrund der christlichen Lehre: schwache, kranke, ohnmächtige, niedrige, hässliche, arme und leidende Menschen wendeten sich mithilfe des asketischen Priesters gegen alle starken Lebensregungen, gegen Lebenslust und Lebenswille indem sie das gesamte natürliche Leben unterdrückten und als böse titulierten. Dies ist der größte Vorwurf Nietzsches gegen die christliche Religion, die es geschafft hat, dem Menschen für jede seiner menschlichen Regungen, ein schlechtes Gewissen einzureden. Ressentiment nennt er dieses falsche, schlechte Gewissen, das nichts anderes ist als "rückwärts gewendete Grausamkeit". Der Mensch lernt von Klein auf sich seiner Instinkte und seiner Stärken zu schämen, denn er soll seinen Nächsten lieben und ein guter Mensch, mit guten Gedanken sein. Das führt aber nur dazu, dass der Mensch seines Nächsten überdrüssig wird, der Mensch ermüdet, die Nächstenliebe, die Anpassung, die Gewohnheit, die fixen Ideen machen müde, denn sie verkleinern den Menschen. Der Gottesglaube hat seinen Ursprung in der Furcht und stilisiert sich zum Willen zum Nichts, zum Willen gegen das Leben selbst. Furcht vor den Menschen ist aber für Nietzsche eine Vorbedingung für die Ehrfurcht und Liebe. Nächstenliebe, wie sie von der Kirche gepredigt wird, mündet in Verachtung des Nächsten. Heute ist es schön ersichtlich, wohin die gut gemeinten Missionierungen und Einmischungen in der Welt geführt haben. Selbst im kleinen, eigenen Umkreis muss man sich eingestehen, dass man seinem Nächsten nichts Gutes tut, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischt und sich einbildet, ihm behilflich sein zu können. Denn jeder der einem anderen hilft tut es nur deshalb, um sich selbst stark zu fühlen und um Macht über denjenigen ausüben zu können. Ich glaube nicht, dass es viel Hilfsbereitschaft unter den Menschen geben würde, wenn nicht jeder Helfer dadurch entweder Geld, Ansehen oder Macht und Eigenstärke gewinnen würde.
Dass heute die Religion des Christentums im Sterben begriffen ist, hat Nietzsche schon erkannt, er hat auch erkannt, dass der Atheismus eigentlich nichts anderes ist als eine Zuspitzung des christlichen Glaubens:
"Der unbedingte redliche Atheismus (- und seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäß nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren Folgenichtigkeiten, - er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zwei tausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schluss sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet."
"Zur Genealogie der Moral" übte großen Einfluss auf Freuds Psychoanalyse und wurde, nachdem einige Passagen von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster Nietzsche gefälscht wurden, von den Nazis als ideologische Vorlage herangezogen. Nietzsche selbst war kein Nationalsozialist oder Faschist, im Gegenteil, jede Art von Nationalismus und Antisemitismus verurteilte er.
Hier noch ein paar der besten Sätze in diesem Werk:
Ist heute schon genug Stolz, Wagnis, Tapferkeit, Selbstgewissheit, Wille des Geistes, Wille zur Verantwortlichkeit, Freiheit des Willens vorhanden, dass wirklich nunmehr auf Erden "der Philosoph" - möglich ist?
Man versteht mich bereits: dieser asketische Priester, dieser anscheinende Feind des Lebens, dieser Verneinende, - er gerade gehört zu den ganz großen konservierenden und Ja-schaffenden Gewalten des Lebens... Woran sie hängt, jene Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgendein Tier sonst, daran ist kein Zweifel, - er ist das kranke Tier: woher kommt das? Sicherlich hat er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle übrigen Tiere zusammen genommen: er, der große Experimentator mit sich, der Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Tier, Natur und Göttern ringt, - er, der immer noch Unbezwungene, der ewig-zukünftige, der vor seiner eigenen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt.
Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen - sie sind es, die Schwächsten sind es, welche am meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen.
...wie als ob Gesundheit, Wohlgeratenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büßen, bitter büßen müsse: o wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büßen zu machen, wie sie danach dürsten, Henker zu sein.
Das Übergewicht des Mandarinen bedeutet niemals etwas Gutes: sowenig als die Heraufkunft der Demokratie des Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der Kriege, der Frauen-Gleichberechtigung, der Religion des Mitleids und was es sonst alles für Symptome des absinkenden Lebens gibt.