Mohammed ist zuerst Muslim, dann Marrokaner, dann Einwanderer. Der Islam ist für ihn Moral, Kultur, Identität. 1962 wird er in Frankreich einwandern, 5 Kinder haben und 40 Jahre lang bei Renault am Fliessband arbeiten. Jetzt geht er in "Verrente" wie er es nennt, er tut sich schwer damit, sich auf den Ruhestand einzustellen, in der Fabrik zu arbeiten war Teil seines Lebensinhalts. "Seine Kinder konnten ihn noch so oft verbessern, er sagte weiterhin Verrente, statt Rente oder Pension. Dies war der unsichtbare Feind, ein zweideutiger Geselle, denn für manche war es die Freiheit, aber für ihn bedeutete es das Ende des Lebens. Nicht mehr und nicht weniger. Das Ende von allem. Ende seines Alltags, Ende seines wohlverdienten bezahlten Urlaubs, den er jedes Jahr in seinem Dorf in Marokko verbrachte." 2800 KM entfernt, baut er während dieser Zeit ein grosses Haus, mit Gebetshaus, Hammam und Schwimmbecken. Sein Lebenstraum: Seine Kinder dort in dem Dorf, wo er einst aufgewachsen ist auf ein Fest einzuladen.
Wie in kleinen Lebensläufen erzählt Tahar Ben Jelloun, der übrigens den Prix Goncourt für
Die Nacht der Unschuld und 2004 den Impac-Literaturpreis erhielt, von Mohammeds gelebten Leben, vor allem aber von Menschen, denen Mohammed begegnet sind, in Erzählungen und persönlichen Begegnungen. Grosse Bedeutung haben dabei immer wieder, welche Frau sich für welchen Mann entscheidet, wer wen heiratet, versprochen wird, wer mit wem welche Ehe eingegangen ist. Wie in kleinen Lebensskizzen, werden hier Werdegänge, Lebensverläufe, Menschenschicksale vor den Augen des Lesers gezeichnet. Auch vierzig Jahre Frankreich hatten ihn nicht verändert, er war derselbe geblieben. Sein Leben ist von einer gewissen Bitterkeit durchdrungen. "Ich bin traurig, seit ich in Frankreich angekommen bin. Dieses Land ist nicht schuld an meiner Trauer, doch es hat mich auch nicht zum Lächeln gebracht, mir weder Grund zur Freude noch zur Fröhlichkeit gegeben. Es ist einfach so, ich kann nichts dafür."
Jelloun gibt Einblick in ein Menschenleben, das von der Religiösität und der Mentalität, arabischen Ursprungs zeugt. Für ihn ist es befremdlich, dass seine Kinder "französisch" aufwachsen. "Lafrance" hat ihm zwar Geld und Unterkunft gegeben, doch hat es ihm seine Kinder genommen. Ein Menschenleben, das mit dem Verlust von Sinn und Bedeutung zu kämpfen hat. Das in der alten Heimat verwurzelt ist und ihm einen letzten Traum vergegenwärtigt, dessen ganze Hoffnung daran gebunden ist, seine Familie dort zu vereinen, doch seine Kinder fühlen sich dort nicht mehr zugehörig. Ihr Leben beginnt an einem anderen Ort, sie wollen sich nicht mehr auf die Wurzeln des Vaters einlassen. Ein Roman, der ein wenig melancholisch durchdrungen ist, nachdenklich macht, berührt, Anteil an einem Menschenleben ermöglicht, dadurch den Blick weitet, was Menschen aus dem arabischen Lebensraum hier wie am Beispiel Frankreich, beschäftigt und wie sie damit im Leben stehen.
Fazit: Ein berührendes Lebensporträt eines alten Mannes, der zwischen sich, seiner Familie, seiner Frau, seinem Glauben und der bevorstehenden Pensionierung sieht, womit er sich mit allem schwer tut. Einzig seine Heimat, sein dort gebautes Haus, geben ihm das wovon er sich verspricht, dass es ihn glücklich macht. Doch er ist allein damit, ein wenig bitter, ein wenig traurig. Tahar Ben Jelloun gibt mit diesem Roman, einen sehr detailierten Einblick in arabisches, muslimisches Denken, Handeln, man kann sich förmlich in diese Mentalität, die nicht selten in "Schwarz-Weiss-Denken" gezeichnet ist, richtig hineinversetzen. Eine wertvolle Verarbeitung, über die Integration von Menschen aus Nordafrika, die in Europa Fuss fassen wollen, und wie sehr im Grunde ihr Innerstes dagegen rebelliert.
Wenn es nur das Geld ist und alles andere einem fremd bleibt, ist die Möglichkeit gross, daran zu verbittern oder gar zu zerbrechen. Ist es das Unvermögen sich auf Neues einzustellen, oder die Nicht-Bereitschaft sich auf neues Leben einzustellen, weil man so sehr von der eigenen Heimat geprägt ist? Das vorliegende Buch ist eine Lebensauswertung, die zwischen Hoffnung, Bitterheit, Sinnverlust und Sinnsuche angesiedelt ist. Es erzählt davon, wie sehr ein Mensch von seiner Heimat, seiner Herkunft geprägt ist und ihn sein ganzes Leben lang in Besitz nimmt, ihn nicht loslässt, ein Festhalten an alten Wurzeln, die Teil der eigenen Persönlichkeit geworden sind...