Nachdem der letzte Ton dieser überaus kurzweiligen CD verklungen war, begebe ich mich auf die Suche nach den obligatorischen aktuellen Schubladen, in die ich Frau Fischer samt ihrer hier vorliegenden künstlerischen Arbeit einsortieren kann. Pe Werner? Barbara Schöneberger? Anett Louisan? Ina Müller? Nun ja, Vergleiche sind immer etwas problematisch, da sie schnell dazu verleiten, das Eigenständige und Individuelle eines Künstlers in den Hintergrund treten zu lassen. Und genau das wäre im Falle Evelyn Fischer ziemlich fatal, weil es dem vorliegenden Gesamt-Kunstwerk nicht gerecht werden würde. Andererseits bergen Vergleiche den charmanten Vorteil, dass man den Künstler und sein Werk irgendwo ansiedeln kann, was z. B. Interessenten davor schützen kann, die Katze im Sack zu kaufen. Also: Die Stimme ähnelt Pe Werner, wenngleich z. B. im Brel-Klassiker "Wenn du von mir gehst" Frau Fischer über das deutlich erotischere Timbre verfügt. Die Qualität der Texte lässt sich am hohen Niveau derer von Frau Louisan durchaus messen, nur dass der Frank Ramond von Frau Fischer Axel Rapp heißt. Die Musik, für die Frau Fischer selbst, vor allem aber René Möckel verantwortlich zeichnet, ist smoothiger, sommerleichter Jazz - jenseits von Belanglosigkeit -, wie man ihn von allen vier oben erwähnten Damen gelegentlich zu hören bekommt. Pianolastig, sparsam, brillant produziert, mit einer für dieses Genre vergleichsweise unüblichen Liebe zum Detail. Und das Metier? Jazz? Chanson? Liedermacherin? Ich merke zusehends, dass meine Schubladen zwar existieren, aber Frau Fischer in keine einzige wirklich überzeugend hineinpasst. Gut so! Und als sich dann der letzte Ton dieser überaus kurzweiligen CD mit dieser vorläufigen Erkenntnis einer unzureichenden Schubladen-Eignung vermischt, drückte ich den "repeat"-Schalter meines Players. Und wieder. Und wieder. Und noch einmal. Und dann wird mir klar: Erst nach mehrmaligem Genießen, Hören und Verstehen schleicht sich das Wissen ins Herz, dass es sich bei diesem Silberling um ein ziemlich ausgezeichnetes und unvergleichliches Stück deutscher Sanges- und Musikkunst handelt. Es lohnt sich wirklich, sich für diesen reifenden Erkenntnisprozess und darüber hinaus die Zeit zu nehmen - bis zum letzten ersten Ton.