Das Buch ist klasse - seinen Mängeln zum Trotz. Es ist mitunter unpräzise, es behandelt nicht alle denkbaren Konnotationen, und der Autor ist kein Tolstoi. Na und? Es ist ja auch keine Belletristik.
Was will man denn von einem populärwissenschaftlichen Buch? Mal im Ernst: die totale Erkenntnis wohl kaum, sonst müsste man ja nicht mühsam Physik studieren, um up to date zu sein, sondern es würde ausreichen, die Wissens-Kolumne der B***-Zeitung zu lesen - oder so ähnlich. Sorry, aber die schnelle Beglückung kann es auch hier nicht geben. Dennoch: solide Infos machen ein eigenes Urteil erst möglich.
Natürlich wird man auch nach dieser Lektüre NICHT wissen, woher wir kommen, und wohin wir gehen - und vor allem, warum. Das wäre aber auch zuviel verlangt. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt das Buch gar nicht.
Es ist aber trotzdem ok, weil es erfrischend und verständlich daherkommt, und weil es interessierten Laien und Physik-Anfängern einen Einblick in die aktuelle Forschung bietet. Womit beschäftigen sich denn die PhysikerInnen 'an der Front'? Wer das wissen will, der ist hier gut bedient.
Es ist wenigen Fachpersonen gelungen, komplexe Inhalte so darzustellen, dass auch Nicht-PhysikerInnen sie verstehen. Oft liegt es natürlich nicht daran, dass sie es nicht könnten, sondern an der fehlenden Zeit (was M. Bojowald in diesem Buch auch erwähnt). Meist wird jede verfügbare Sekunde der Forschung & der Karriere gewidmet.
Und außerdem wollen manche Autoren, meiner Ansicht nach, zu viel erreichen - was dazu beiträgt, dass sie prätentiös und gestelzt daherkommen, so dass der Leser am Schluss wie der Ochs vorm Berg steht, aber natürlich voller Bewunderung für den genialer Verfasser. Manchen mag diese subtile Art der Demütigung gefallen - mir nicht. Das vorliegende Buch ist eher eine Aufforderung zum eigenen Denken, denn vollständiges Vorlesungsskript. Diese 'offene' Machart hat mich persönlich angesprochen.
Bojowald setzt sich also (vernünftigerweise) ein erreichbares Ziel, und erreicht es auch: er will nicht Gott oder Einstein spielen, sondern schlicht und einfach erklären, worin der Ansatz der Quantenschleifen-Gravitation besteht, was man damit bisher erreicht hat, und was man noch erreichen will. Noch dazu die Grenzen der Theorie begreiflich zu machen - ich finde es äußerst fair, dass er sich mit diesem Aspekt immer wieder befasst.
Er beleuchtet insofern auch das "große Ganze", als er konsequent genug ist, um vor den philosophisch-religiösen Aspekten nicht Halt zu machen. Die theoretische Physik bietet heutzutage das philosophische Instrumentarium schlechthin, denn ihre Sprache, die Mathematik, ist nun mal die am höchsten entwickelte formelle Erkenntnissprache unserer Zeit. Umso wichtiger daher die Mitteilbarkeit der neuesten Resultate, zur sinnvollen Unterfütterung gesellschaftlichen Diskurses.
Was nützen die besten Erkenntnisse, wenn sie nur einer Handvoll Menschen bekannt sind?
Wer Richard P. Feynman, Lisa Randall, Brian Greene & Co. gerne liest, wird dieses Buch mögen, wobei es mich (im Kleinen) auch an D. Hofstadter erinnert ("Gödel, Escher, Bach"). Denn der Autor versucht, wie Hofstadter seinerzeit, die Brücke zum Wissen der Vergangenheit zu schlagen, indem er einzelne Abschnitte durch Klassiker-Zitate einleitet. Es ging nämlich auch damals um dieselben Fragen, nur fehlte das Instrumentarium. Das haben wir heute: Mathematik! Der Autor ist wohl auch aufgrund seines Allgemeinwissens in der Lage, die physikalischen Inhalte so darzulegen, dass einerseits auch Nicht-Physiker davon angetan sein werden, andererseits aber die PhysikerInnen zur fachfremden Lektüre angeregt werden.
Mein Fazit: lesen und nachdenken, es lohnt sich.