Das dachte ich, als ich vor einigen Tagen auf diesen Klassiker des Gruselfilms stieß, der mir in meiner frühen Jugend unter dem Titel "Rache aus dem Reich der Toten" Schauer des Grauens über den Rücken jagte. Zugegeben, die Erinnerungen an viele dieser Filme sind mit dem Zauber der Kindheit überzogen, und oftmals kann der Erwachsene gar nicht verstehen, warum es ihn als 13jährigen so gruselte, aber dennoch wollte ich mir diesen Film auf DVD nicht entgehen lassen.
Der Kauf hat sich denn auch gelohnt. John Irving erzählt in seinem Film aus dem Jahre 1981 die Geschichte von vier alten Männern - Honoratioren der neuenglischen Kleinstadt Milburn -, die zusammen die Chowder Society bilden, deren einziger Zweck darin zu bestehen scheint, daß sich die Mitglieder einmal im Monat in edlem Ambiente vor dem Kamin treffen, Brandy trinken und einander mit Gruselgeschichten eine Heidenangst einjagen. Allerdings scheint diese vier Männer noch etwas ganz anderes zu verbinden - ein finsteres Geheimnis, das sich nun, nach einem halben Jahrhundert, in bösen Alpträumen seinen Weg an die Oberfläche des Bewußtseins kratzt. Dann stirbt plötzlich der ältere Sohn des Bürgermeisters Edward Wanderley (Douglas Fairbanks Jr.), eines der vier Männer, nach einem Sturz aus dem Fenster, als er eines Morgens neben der halbverwesten Leiche seiner Braut aufwacht, und der jüngere Sohn Don(Craig Wasson) kommt zum Begräbnis in seine alte Heimatstadt. Er ist der festen Überzeugung, daß der Tod seines Bruders kein Unfall war, sondern daß Alma Mobley (Alice Krige), die Verlobte seines Bruders, die zunächst seine, Dons, Freundin gewesen war, ihn umgebracht hat. Als Don den Männern der Chowder Society seine Geschichte erzählt, reagieren sie äußerst verstört.
Irvin hat für "Ghost Story" den gleichnamigen Roman des amerikanischen Erfolgsschriftstellers Peter Straub herangezogen, seine Vorlage jedoch in mehreren Punkten verändert, wobei einzelne Aspekte zunächst unlogisch erscheinen, sich nach einigem Nachdenken jedoch erklären lassen. Beispielsweise mag man sich fragen, warum die alten Männer erst fünfzig Jahre nach einer schicksalhaften Tat von ihrer Nemesis heimgesucht werden, was ja in Anbetracht ihrer noch verbleibenden Lebenserwartung eine vergleichsweise milde Strafe ist, doch erklärt sich dies durch eine nebenbei gemachte Bemerkung Dons (will nicht mehr verraten, um nicht zu spoilern). Als Kritikpunkt mag man einwenden, daß die Geschichte von Anbeginn an recht durchsichtig ist - alte Männer verbindet ein Verbrechen in der Vergangenheit, und nun folgt die Rache aus dem Reich der Toten -, aber dennoch bleibt ja lange unklar, was die vier Männer damals getan haben.
Irvin gelingt es, einen atmosphärisch dichten Gruselfilm zu inszenieren. Dies ist vor allem den vier Schauspieldinosauriern zu verdanken, die in die Rollen der vier alten Männer schlüpfen: Fred Astaire, ein kleiner, verbraucht aussehender Mann, in dem gleichwohl jede Menge Entschlossenheit steckt - man achte einfach nur auf seine mal müden, mal hart blitzenden Augen -, Douglas Fairbanks Jr. als der elegante Bürgermeister, der in seiner Jugend immerhin mal Präsident werden wollte, Melvyn Douglas als der schuldgeplagte Dr. John Jaffreys und John Houseman als kaltschnäuziger und dominanter Jurist Sears James. Die unterschiedlichen Charaktere dieser Männer verleihen dem Film einen guten Teil seiner Spannung, denn auch wenn diese vier etwas Schreckliches getan haben müssen, wie schon früh deutlich wird, wachsen sie uns dennoch irgendwie ans Herz. Unvergessen hier die Szene, in der Dr. Jaffrey nach einem Alptraum völlig erschöpft im Bett liegt und von seiner Haushälterin umsorgt wird; die zärtliche Liebe dieser beiden alten Menschen ist deutlich spürbar und läßt uns hoffen, der Doktor könnte sich irgendwie retten. Ähnlich ist es, wenn Fred Astaire als Ricky Hawthorne mit seiner Ehefrau redet und diese ihm vorwirft, sie lebe nun schon seit 20 (?) Jahren mit ihm zusammen und wisse immer noch kaum etwas von ihm. Hier wird deutlich, wie sehr der dunkle Fleck in der Vergangenheit Hawthornes diesen quält und es ihm unmöglich macht, sich anderen Menschen vollkommen zu öffnen.
Ein anderes Mittel, um die für einen Horrorfilm notwendige atmosphärische Dichte zu erlangen, sind die vielen Vorausdeutungen, mit denen wir konfrontiert werden. Die erste Schaudergeschichte, die Sears James in unserem Beisein erzählt, handelt von einem Mann, der lebendig begraben wird - und die Reaktion der drei Zuhörer läßt uns ahnen, daß diese grauenhafte Vorstellung für die Männer nicht nur Sujet einer Geschichte ist. Auch die Symbolik des Wassers wird mehrfach herausgestellt: Als Schnee erstickt es die Landschaft um die Kleinstadt Milburn herum, im Vorspann bricht es das Licht, und die Szene, in der Dons älterer Bruder seinen Tod findet, öffnet mit einer Einstellung auf eine überlaufende Badewanne. Wenn Don und Alma sich in einem Universitätswaschraum vergnügen, ruht die Kamera auf einem Waschbecken, das aus irgendeinem Grunde randvoll mit Wasser gefüllt ist. Hier ist jedoch kaum die reinigende Kraft des Wassers gemeint, die den schuldbeladenen Männern ja wie eine Erlösung vorkäme, sondern das Wasser - selbst die überlaufende Badewanne - fließt nicht, es stagniert und erdrückt.
Alles in allem ist Irvins Film in sich stimmig und schafft es meiner Meinung nach auch heute noch, den Zuschauer in seinem Bann zu halten. Die verschachtelte Erzählstruktur, in der verschiedene Zeitebenen miteinander verknüpft werden, bietet ein gelungenes Gegengewicht zu der eigentlich sattsam bekannten und deshalb vielleicht vorhersehbaren Thematik um einen Wiedergänger, der Rache für vergangenes Unrecht nimmt, da wir besonders am Anfang aufgefordert werden, die verschiedenen Fäden der Handlung zu verknüpfen. Die Schockeffekte waren vielleicht für die damalige Zeit heftig und erscheinen heute unter Umständen etwas harmlos, doch wirkt "Ghost Story" vor allem durch seine Charaktere und seine beunruhigende Atmosphäre. Wer zerschnittene Körper und andere Abgeschmacktheiten sehen will, wird von "Ghost Story" natürlich enttäuscht sein. Allen anderen hingegen wird guter Grusel garantiert.