Interdisziplinär verfahrende Kulturwissenschaft ist eine vergleichsweise neue Disziplin, deren populärer verfaßten Resultate auf den Buchmarkt drängen. Nicht alle Produkte sind über jeden Zweifel an ihrem Nutzen erhaben. Bücher, deren Untertitel mit "Eine Kulturgeschichte der/des..." beginnt, haben sich mittlerweile nicht nur Elementarem gewidmet (Kulturgeschichten der Liebe, des Todes, der Krankenfürsorge, der Mode, des ReIsens, der Gottesverehrung, der Musik, des Theaters etc.) sondern auch entlegenere Bereiche nicht gescheut: auch dem Spülklo, den Blasinstrumenten, dem Tabakrauchen, der Kosmetik, der Unterwäsche, der Mumien-Herstellung usw. wurden schon kulturhistorische Explorationen gegönnt. Bernhard Kathans Arbeit, schon seit vier Jahren auf dem Markt, bearbeitet ein brandaktuelles, "heißes" Thema: die Kulturgeschichte des Mensch-Tier-Verhältnisses unter besonderer Berücksichtigung des Tötens und Schlachtens, des Verbrauchs und Verzehrs unserer Mitgeschöpfe sowie, und das ist wichtig, zugleich der Geschichte des Diskurses darüber. Die Tiere - als Opfer, Nahrung, Transportmittel, Energie- und Rohstofflieferant, als anatomisches Präparat und viviseziertes, gemartertes Forschungsobjekt, als Kuscheltier, Luxusgegenstand und Dekorationsobjekt, als häusliche Emotonialprothese, Baby-Surrogat oder Fleischkonserve, als lebende "Biomasse" in der vollautomatischen Massentötungsanlage, Tiere als Spielzeuge, Familienmitglieder, Stimulatoren, Trophäen, Geldanlage, Statussymbol, Schaustück: Es gibt kaum einen Aspekt des Menschseins, der nicht auf offene oder verborgene Weise auch dadurch bestimmt ist, wie das Tier, bestimmte Tiere, irgendwelche Tiere oder Tiere überhaupt dabei eine ihrer vielen, selten erstrebenswerten Rollen spielen.
Der Mensch war es vielleicht nicht von Anbeginn - jetzt jedenfalls ist er Karnivore. In vormodernen Zeiten mußte, wer Fleisch essen wollte, das dazu benötigte Tier, wenigstens prinzipiell, jagen, fangen und vor allem: töten. In der Antike war das Töten von Tieren ein feierlicher, sakraler, aufgrund des mit dem Akt verbundenen Grauens vielfach ritualisierter Akt, verbunden mit dem Sakrament des Opfers. Der Verzehr des Fleisches der Opfertiere blieb ein marginaler Randaspekt, der erst ganz allmählich an größerer Bedeutung gewann. Das Grauen, das Schuldempfinden, die Idee, durch den Tier-Mord ein Gesetz elementarer Brüderlichkeit verletzt zu haben, blieb noch lange virulent. Noch bis in die Neuzeit war der Beruf des Schlachters dem des Henkers verähnelt und mit sozialen Tabus und Sanktionen umgeben. Seit Beginn der industrialisierten Moderne hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Die riesigen, automatisierten Schlachthöfe liegen im anonymen Nirgendwo jenseits der Vororte; Tiertransporte finden klandestin und verdeckt vor der Öffentlichkeit statt; selbst die Zucht -und Mastfabriken, in denen Tiere "produziert" werden wie Fabrikware, liegen außerhalb des öffentlichen Gesichtskreises. Selbst in den Massenmedien kommen sie nur selten vor. Der Tod ist kein Mysterium mehr, und kein Skandal: Man hat ihn schlichtweg zum Verschwinden gebracht. Kinder von heute haben, wenn überhaupt, nur vage Vorstellungen, woher ihre Hamburger, Chicken Nuggets, Curry-Würste und Fischstäbchen herkommen.
Dass ein Spektakel wie der spanische Stierkampf, das einzige verbliebene ästhetisch-rituelle Fest, bei dem öffentlich, am hellen Tag, vor Publikum, das Töten von Tieren zelebriert, vorgeführt und real vollzogen wird, die heuchlerische Empörung gedankenloser Moralapostel herausfordert, zeigt ex negativo, wie sehr die Tatsache inzwischen verdrängt wird, dass wir ausnahmslos alle (die Vegetarier keineswegs ausgeschlossen) unsere Existenz dadurch bestreiten, dass wir Tiere töten (lassen).
Bernhard Kathans materialstrotzendes, mit vielen aufschlußreichen Illustrationen versehenes Buch verfolgt den kulturhistorischen Prozess, in dem das Bewußtsein von Tiermord und Fleischverzehr verschwand, aus ungewöhnlichen Blickwinkeln, nutzt die Filmgeschichte, Malerei und Karikatur, die dokumentierte Entwicklung der Tischsitten, das Genre der Kochbücher, die Zubereitungs- und Zerlegungstechniken, die Technologie von Tischbesteck und Kochwerkzeug, die Darstellung des Tieres in Mythos, Poesie und Literatur, um für die Leser nicht nur sinnlich erfahrbar zu machen, was geschehen ist, sondern diesen Prozess auch einzubetten in die vielfältigen Bezüge der Lebenswelt. Die assoziationsreiche, essayistische Art der Darstellung trägt der Kompliziertheit der Thematik Rechnung. Jenseits platter Agitation und plumper Parolen zeichnet der Autorein differenziertes Bild der ungeheuer komplexen, facettenreichen Beziehung von Mensch und Tier, die sich ko-evolutiv, verstrickt in gewaltgeprägte Relationen, gemeinsam zu dem entwickelt haben, was sie sind. Kathans Buch taugt nicht als Pamphlet; wer moralische Traktate liebt oder sich von der Lektüre das angenehme Gefühl verspricht, "zu den Guten zu gehören", die sich durch die Lektüre ein gutes Gewissen verschaffen konnten, spare sich die Anschaffung. Kathans zweite kulturgeschichtliche Arbeit (die erste, ähnlich brisante, befaßt sich mit dem "Elend der ärztlichen Kunst") moralisiert nicht, ist deswegen aber nicht indifferent. Alle, die schlichte Simplifizierungen, monokausale Erklärungsmuster und eindimensionale Verurteilungen nicht für sachdienlich halten, finden bei Kathan viel Material zum Nach- und Weiterdenken. -
Warum nicht die volle Zahl Sterne? Nur darum, weil es einfach zu schade ist, dass der Verlag nicht das Geld für besseres Papier und farbige Abbildungen aufbringen konnte. Die fleißig zusammengetragenen, oft äußerst beziehungsreichen und anregenden Illustrationen farbig zu drucken, hätte das Buch zu einem Prachstück gemacht, das in keinem kulturanthropologischen Apparat fehlen sollte. Aber auch so: schon ein wirklich empfehlenswertes Buch!