Ich beziehe mich hier auf die noch nicht erweiterte Ausgabe von 2001. Das Buch besteht aus zwei unabhängigen Texten: aus einem am 9. September 2000 an der Universität Zürich hervorgegangenen Vortrag und einer Ausarbeitung der Christian-Wolf-Vorlesung, die Habermas am 28. Juni 2001 an der Universität Marburg gehalten hat. Nach Habermas drängen uns die neuen Bio-Technologien einen öffentlichen Diskurs "über das richtige Verständnis der kulturellen Lebensform als solcher auf. Und Philosophen haben keine guten Gründe mehr, diesen Streitgegenstand Biowissenschaftlern und Science-Fiction-begeisterten Ingenieuren zu überlassen" (33). Er sucht nach einem "minimalen gattungsethischen Selbstverständnis" (74), das ohne "die Errichtung künstlicher Tabuschranken, also eine Wiederverzauberung der inneren Natur" als Begründung gegen eine molekulargenetische Programmierung menschlicher Natur auskommt (49). Sein Kredo lautet, dass es aus der Sicht einer "gattungsethisch erweiterten Sorge um sich selbst", darum gehen muss, "unsere kommunikativ strukturierte Lebensform intakt zu halten" (122).
Auf der einen Seite sieht Habermas mit der "Moralisierung der menschlichen Natur" (46) die Gefahr eines "dumpfen antimodernistischen Widerstandes" verbunden; auf der anderen Seite möchte er jedoch der Verschmelzung der elterlichen Chromosomensätze ein gewisses Maß an Kontingenz und Naturwüchsigkeit" sichern (49). Auch wenn ein Embryo als vorpersonales Wesen laut Habermas keine Menschenwürde besitzt und damit den Status einer Rechtsperson nicht erreicht, so ist er dennoch insoweit "unverfügbar" (59), als er für eine "Technisierung der menschlichen Natur" (ebd., 46) nicht zur Verfügung stehen darf. In diesem Sinne spricht sich Habermas entschieden dagegen aus, durch "merkmalsverändernde gentechnische Eingriffe in den Modus unseres Lebens" einzugreifen (123).
Habermas ist davon überzeugt, dass es einen internen Zusammenhang zwischen einer Unverfügbarkeit der biologischen Grundlage personaler Identität und unserem Selbstverständnis als Gattungswesen gibt. Es besteht darin, "uns auch weiterhin als ungeteilte Autoren unserer Lebensgeschichte verstehen zu können und uns gegenseitig als autonom handelnde Personen anerkennen" zu können (49). Mit der "liberalen Eugenik" kommt es dagegen zu einer Entdifferenzierung von bisher selbstverständlichen kategorialen Unterscheidungen: zwischen "Subjektivem" und "Objektivem", zwischen "Naturwüchsigem" und "Gemachtem". Eine genetisch programmierte Person verbleibt in einer uneinholbaren Asymmetrie gegenüber ihren Erzeugern, auf die sie nur mit Ressentiment oder Fatalismus reagieren kann.
Habermas erweist sich auch hier wieder als ein Intellektueller im besten Sinne, der es versteht, sich stets auf's Neue zu zeitgeschichtlich relevanten Themen zu äußern - und zwar dann, wenn sich Wahrheiten öffentlich breit machen, die demokratische Grundlagen unserer Gesellschaft angreifen. Mit seinem Buch warnt er eindringlich vor dem Verlust individueller Freiheit durch die Möglichkeiten der Biomedizin. Er erteilt allen Fantasien von "Menschenzüchtung", wie sie "eine Hand voll ausgeflippter Intellektueller" (43) in Vorträgen und Artikeln damals medienwirksam propagierten, eine heftige Absage. Ihren Versuchen gegenüber, uns Mut zur Ausübung von Selektionsmacht einzuflüstern, indem sie den Unterschied zwischen "Erziehen" und "Züchten", "Heilen" und "Optimieren" einziehen, begegnet er zu Recht mit Verachtung.