Odo Marquard gilt mit Recht als Geheimtipp der deutschen Gegenwartsphilosophie. Der aus der Schule Joachim Ritters stammende Gießener Philosoph belegt auch in der vorliegenden Aufsatzsammlung, die der Reclam-Verlag zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag veröffentlicht hat, dass er seinem Ruf in jeder Hinsicht gerecht wird. Zwar handelt es sich, mit einer Ausnahme, um Aufsätze, die der Marquardleser bereits kennt. Sie sind jedoch auch beim (gegebenenfalls) zweiten Lesen ein besonderes Vergnügen.
Anders als die Gralswächter des herrschaftsfreien Diskurses, der so herrschaftsfrei bekanntlich auch wieder nicht ist, geht er nicht von einer möglichen oder wünschenswerten Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen aus; vielmehr ist der Mensch sterblich, und nicht nur deshalb hat er stets zu wenig Zeit. Dies klingt banal, führt aber zum Titel des Bandes: Weil der Mensch sterblich ist und darum weiß, deshalb kann er nicht ohne seine Herkunft in die Zukunft schreiten. Marquard ist Skeptiker. Statt der Erreichbarkeit absoluter philosophischer oder religiöser Wahrheiten postuliert er realistischerweise den "Abschied vom Prinzipiellen". Gerade als Skeptiker ist er konservativem Denken verpflichtet. Er sieht die Notwendigkeit von Fortschritt und Wandlungsbeschleunigung, weiß aber auch, dass der Mensch das "Wesen der Langsamkeit" ist.
Dies alles mag abstrakt klingen, ist jedoch zweifellos sehr lebensnah. Wer ist nicht damit überfordert oder zumindest verwirrt, dass er bald nach dem Erlernen eines Computerprogrammes (allzu oft im Schnellkurs!) schon wieder ein neues erlernen muss, natürlich ebenfalls im Schnellkurs. Marquard nennt das "tachogenen Weltverlust". Als pragmatischer Konservativer ist er für Fortschritt, allerdings nur auf der Basis des Bestehenden, da eine ständige Veränderung den Menschen überfordert. Der Mensch existiert nämlich mehr aus Gepflogenheiten als aus Veränderungen. Wer vor dem Frühstück über alles reflektieren will, der ist nach dem Kaffeetrinken bereits geistig so erschöpft, dass er wieder ins Bett muss. Wie schützt man sich vor diesem Szenario? Ganz einfach: Man vertraut auf die Lebensüblichkeiten und -gepflogenheiten. In dubio pro usu! Nicht die Lebensgepflogenheiten bedürften der Rechtfertigung, sondern das Abweichen davon!
Wie viele andere Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen (Monod, Zeilinger, Gould, Rorty), hebt er die Relevanz des Zufalls für das menschliche Leben hervor.
Sämtliche Aufsätze sind lesenswert, egal ob es um das "Lob des Polytheismus" geht, ein Plädoyer für die Vielheit, um die "Inkompetenzkompensationskompetenz", die "Entlastung" (ein alter konservativer Topos!), "Universalgeschichte und Multiversalgeschichte" oder die "Unvermeidbarkeit der Geisteswissenschaften": Marquard beweist, dass er mit Recht eine umfangreichere Fangemeinde hat.
Welches ist der Hauptgrund, dass man Marquard lesen soll und nicht andere intelligente Denker des Genres? Er gilt als der philosophische Meister des Humors. Wer wissen will, wie und warum er zum Langschläfer wurde und welche philosophischen Implikationen dies hat und was es mit den Düsseldorfer kapitolinischen Jensen (gemeint ist Walter Jens!) auf sich hat, der greife zu dieser Aufsatzsammlung. Niemand wird es bereuen! Beste Wünsche für die nächsten Lebensjahre, Professor Marquard!