Als ich zum ersten Mal von einem Film hörte, in dem Juden während des 2. Weltkrieges vor Ankunft der deutschen Truppen sich selbst in sicherere Gefilde "deportieren", war ich auch skeptisch. Aber schon die Anfangsszene, in der Shlomo durch den Wald rennt, hat etwas so beklemmendes an sich, daß man trotz des fabelhaften Unterhaltungswertes des Films nicht Gefahr läuft, während der nächsten knapp 2 Stunden die wahren Hintergründe dieser Geschichte zu vergessen. Wie schon andere ausführten: Das hier ist im Plot und in der Machart ganz und gar anders als "Das Leben ist schön", aber auf ähnlich hohem Niveau.
Der Ältestenrat der Gemeinde stimmt also der Idee ("A falscher Deportationszug!", Ziel: "Erez Israel!") zu, weil das einfach zu verrückt ist, um schiefgehen zu können. Einige Shtetl-Bewohner werden zu "Nazis" ausgebildet, unauffällig wird waggonweise ein Zug angekauft. Komplikationen ergeben sich, als die kommunistische Ideologie einigen gehörig die Köpfe vernebelt. (Die weiteren Irrungen und Wirrungen sollte sich jeder selbst am Bildschirm zu Gemüte führen.)
Ich hatte zu keiner Zeit den Eindruck, daß die Shoah hier banalisiert werden könnte. Immerhin schwebt dieses Damoklesschwert die ganze Zeit über den Köpfen der wagemutigen Reisegesellschaft. Und wie sollten osteuropäische Juden, deren Blickwinkel immerhin die Perspektive des Films bildet, konkret über etwas referieren, wovon sie doch bis dahin nur Gerüchte gehört hatten?
Uns wird aber etwas vor Augen geführt, was eigentlich jedem sonnenklar sein sollte, was jedoch frühere Shoah-Filme aus naheliegenden Gründen (den thematischen Schwerpunkt sollte schließlich der Massenmord selbst bilden) nicht immer ausführlich beleuchteten: Daß es eben nicht um eine homogene Opfergruppe geht, sondern um die unterschiedlichsten Individuen, jede(r) einzelne mit ihren/seinen eigenen Stärken und Schwächen, Menschen wie Du und ich, die, wären sie später geboren, auch meine oder Deine besten Freunde sein könnten. Eins ist doch klar: führt man sich einfach nur die Gesamtzahl der getöteten Juden als statistische Größe vor Augen, hat man das Ausmaß dieser organisierten Barbarei noch lange nicht erfaßt...
Dem Grauen wird hier mit Witz entgegengetreten. Mit viel jüdischem Witz. Und mit koscherem Essen und herrlicher Musik. Und doch: Als es so richtig schön lustig wird und die Reisenden mit List und Chuzpe den Häschern entkommen konnten, rücken brennende Häuser und brennende Bücher und brennende Familienfotos als Kontrast ins Bild.
Dieser Film beschädigt keinesfalls das Anerkenntnis dessen, was geschehen ist (denn er streitet es nicht ab und verschweigt es nicht), und auch nicht das Ansehen der Opfer (er gibt ihnen wieder Gesichter). Er ist auch nicht die Art von Komödie, während und nach der wir vor Lachen das Nachdenken vergessen. Denn zum Schluß lachen wir garantiert nicht mehr.