Kundenrezensionen

9
4,4 von 5 Sternen
Zuckerkreml: Roman
Format: TaschenbuchÄndern
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. September 2012
Die Geschichten des vorliegenden Buchs spielen wohl in der gleichen Welt wie Sorokins Roman "Der Tag der Opritschniks" und zeigt ein Russland der nahen Zukunft (man schreibt das Jahr 2028), in dem Hochtechnologie und Aberglaube eine schockierende Synthese eingegangen sind.
Russland ist politisch zu einem fundamentalistischen Staat herab gesunken, ein "Gossudar" ist an der Macht, die Presse- und Meinungsfreiheit ist abgeschafft und Schergen des Herrschers (die Opritschnik bzw. die Organisation der Opritschnina) verfolgen jeden Dissidenten mit unnachgiebiger Härte. Das Land ist abgeschottet, man orientiert sich am neuen Freund China und irgendwo (wahrscheinlich an den Grenzen zum "dekadenten" Westen) wird eine gewaltige Mauer gebaut. Das Internet wurde vom staatlich kontrollierten und zensierten Russennetz abgelöst.
Wahrsager treiben öffentlich gefördert ihr Unwesen vor großen Menschenmengen, dabei immer regimekonforme Voraussagen von sich gebend. Wem dieses Land zu trist ist, der darf sich mit dem frei verkäuflichen Kokain zudröhnen.
Wie ein Kaleidoskop erzählt der Autor im vorliegenden Werk aus dieser Welt Geschichten. In 15 kurzen Erzählungen lernt der Leser diese "schöne neue Welt" kennen.
Dabei startet Sorokin fulminant mit der elfjährigen Marfuscha, indem er einen Tag aus dem Leben des Mädchens schildert. Diese Episode ist dann auch Highlight und Manko des vorliegenden Buchs, denn eigentlich möchte man mehr von dem Kind und seiner Weltsicht erfahren und muss feststellen, dass die meisten anderen Geschichten nicht die hohe Qualität von "Marfuschas Freunde" haben.
Trotzdem erschließt sich hier ein abstoßend-faszinierender Kosmos von Willkür, Unterdrückung, Geilheit, Sucht, Machtstreben und menschlichem Elend.
Dabei experimentiert der Autor geschickt mit verschiedenen literarischen Spielarten. So besteht eine Episode nur aus Gesprächen und der Angabe wer gerade spricht wie bei einem Theaterstück, in einer anderen Kurzgeschichte vermischen sich die verbalen Äußerungen einiger Personen in einer Menschenmenge, die gerade Schlange stehen.
Auch die "alltägliche" Arbeit eines Folterknechts wird beschrieben, der mit neuesten technischen Raffinessen einen Dissidenten ausquetscht.
Dazwischen immer wieder kleine Durchschnittsbürger, die ihr Auskommen suchen, mächtige Apparatschiks, die ihren Gelüsten nachgehen und Menschen, die unter die Räder des Systems gekommen sind.
Allgegenwärtig ist körperliche Gewalt in Form von Prügelstrafe, egal ob bei Kindern oder bei erwachsenen Gefangenen.
Verbindendes Element der einzelnen Erzählungen sind die am Staatsfeiertag für Kinder ausgegebenen Zuckerkreml, die den Kindern in einer feierlichen Zeremonie zugänglich gemacht werden und die in fast jeder Story auftauchen.
Dem Autor gelingt ein erschütterndes Bild eines brutalen, machtgeilen Unterdrückungssystems, und ist damit gerade für ein russisches Buch erschreckend aktuell.
Größtes Manko von "Der Zuckerkreml" ist jedoch, dass all dieser Schrecken beim Leser recht wenig emotionalen Nachhall findet. Dazu fehlen dem Buch eindeutig die Identifikationsfiguren. So meisterhaft der Autor auch die einzelnen Episoden gestaltet, der Leser bleibt schlussendlich viel zu indifferent, da er kaum dazu kommt, mit irgendeiner der malträtierten Figuren warm zu werden.
Trotzdem ist das vorliegende Werk lesenswert und phasenweise auch erhellend, vor allem weil Sorokin aufzeigt, dass Brutalität und Irrationalität eine gute Gemeinschaft darzustellen scheinen, die einander befördern und befeuern. Wie schon in Otto Basils großartigem, aber schwierig zu lesendem Meisterwerk "Wenn das der Führer wüsste", wo der Protagonist von Beruf Strahlenspürer ist und Räume auspendelt, die Astrologie und die Rassenlehre die bestimmenden "Wissenschaften" der Nation sind (Basils Roman spielt in einer Welt, in der die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen haben), zeigt auch Sorokin eine Welt, in der für Rationalität und Mitmenschlichkeit kein Platz mehr ist, in der die Realität oft nur noch durch Drogen erträglich ist, und in der Freiheit und Mitbestimmung nur Verachtung und Hass hervorrufen bei vielen Bürgern.
Auf die aktuelle Situation in Russland muss man hierzu wohl gar nicht mehr hinweisen, auch wenn der Autor sein Werk bereits 2008 veröffentlicht hat und außer dem politischen System hier wohl die allgegenwärtig mafiösen Strukturen in seinem Land anprangern wollte. Aber vielleicht ist bald ja wieder alles eins; vielleicht war es aber auch nie wirklich getrennt in diesem schönen neuen Land.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. Mai 2013
In den Erzählungen schildert Sorokin das Leben im Russland der Zukunft aus verschiedensten Blickwinkeln. Er knüpft damit an seinen Roman "Der Tag des Opritschniks" an und schafft eine dystopische Welt voller Gewalt. Bemerkenswert ist, dass Sorokin die einzelnen Episoden auch literarisch unterschiedlich gestaltet, er wechselt sogar zwischen Epik und Dramatik die Literaturgattung.

Leider sind die einzelnen Erzählungen von unterschiedlicher Qualität, zudem versucht Sorokin zu viele Fehlentwicklungen in die Erzählungen zu packen. So kommen in seiner Zukunftsvision beispielsweise Totalitarismus, Autoritarismus, Spiritualität, sexueller Hedonismus, Patriarchismus, Konservatismus, Nationalismus, wirtschaftlicher Mangel und Abhängigkeit, Ausbeutung, Technologisierung und Informatisierung vor - zu viele Elemente, um eine in sich stimmige Dystopie zu schaffen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 13. Februar 2013
ich hatte den Tag des Opritschniks als erstes gelesen und war begeistert. Der Zuckerkreml erzählt mehrer kurze Geschichten, die doch alle durch den Kreml aus Zucker verbunden sind. Ein lesenswertes Buch!!!
Kaufempfehlung!
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Der "Zuckerkreml" ist eine Sammlung von 15 heterogenen Erzählungen; einige Texte sind szenisch-dialogisch verfasst, andere sind in unterschiedlichen Perspektiven konventionell erzählt. Gemeinsam ist ihnen das Thema, das bereits der Vorgänger, "Der Tag des Opritschniks" von 2006 behandelte. Es geht um die Vision über ein Russland des Jahres 2028.

Das Land wird von einem Autokraten mit dem Titel eines Gossudaren regiert, dessen virtuelles holografisches Bild, mit dem man sogar sprechen kann, offensichtlich auch noch in der elendesten Hütte schwebt. Stützen des Regimes sind die üblichen Sicherheitsorgane, daneben eine bigott-mystizistische und nationalistische Religion sowie die "Opritschniks", milizähnliche Schlägertrupps, die mit furchtsamer Duldung des Volkes so etwas wie Ordnung halten. Das Land verscherbelt seine Rohstoffe ins Ausland, entsprechend ärmlich sind die Lebensverhältnisse für die Nichtprivilegierten. Als große patriotische Aufgabe hat man die Errichtung einer Mauer rings um das Land ausgerufen, und an einer Stelle darf ein Schulmädchen mit ihrer "schlauen Maschine", offenbar eine Weiterentwicklung unserer Notebooks, ermitteln, dass noch genau 62.876.543 Ziegelsteine fehlen. Das Bild der Gesellschaft ist gekennzeichnet durch einen allgemeinen Verfall auf materieller, seelischer und sittlicher Ebene. Höhepunkt des Jahres ist die Verteilung von aus Zucker gefertigten Miniaturmodellen des Kreml zu Weihnachten. Dieser Zuckerkreml und übriggebliebene Bruchstücke davon tauchen in den Erzählungen in verschiedenster Form immer wieder auf.

Es würde zu weit führen, jede einzelne der Geschichten darzustellen, zumal ich interessierten Lesern nicht zu viel vorab verraten möchte; deshalb zum konkreten Inhalt nur soviel: die überwiegende Mehrzahl spiegelt die Idee aus dem "Tag des Opritschniks" wider, der das System hauptsächlich von der Herrschaftsseite her betrachtete; hier geht es mit wenigen Ausnahmen um die Perspektive der Beherrschten.

Es gehört zu den herausragenden Eigenschaften dieser Erzählungen, dass sie zwar eine permanente Atmosphäre der Gewalttätigkeit und Verrohung schaffen, dafür aber kein Abdriften in den Splatter benötigen. Schilderungen physischer Gewalt sind nur in sehr begrenzten Umfang vorhanden, die Gewalt spielt sich jenseits der erzählten Vorgänge ab und ist doch stets allgegenwärtig. Die Texte bilden auf diese Weise exakt die Funktionsweise eines optimierten totalitären Regimes ab: jeder weiß präzise, wovor er sich zu fürchten hat, auch ohne es am eigenen Leibe erfahren zu müssen, die Konditionierung der Massen ist erfolgreich verlaufen.

Sorokin beherrscht die Sprache in diesen kurzen Geschichten perfekt; sie bleibt fast beiläufig, bläst nichts ins grauenhaft Verzerrte auf und ist gerade dadurch so eindringlich. Auf diese Weise - und nur auf diese Weise - konnte es schon in der ersten Erzählung, "Marfuschas Freunde" gelingen, auf so kleinem Raum die Folie der Erzählungen so klar herauszuarbeiten. Die Elemente des Systems, also die permanente Einschüchterung der in elenden Verhältnissen lebenden Bevölkerung durch Staatsorgane, Religion und freundlich geduldete Schlägertrupps, bei gleichzeitiger Dauersedierung durch Wodka, Koks, patriotische Phrasen und Spiele wird wie selbstverständlich und gelegentlich sogar durch scheinbar zustimmende Einwürfe vorausgesetzt. Genau so wird deutlich, wie sich die Masse der Bevölkerung mit ihren unwürdigen Bedingungen arrangiert hat, mit einer Art heiterem Fatalismus, der dann natürlich auch die Grausamkeiten jenseits der Ränder dieser Einstellung irgendwie billigt. Hinzu kommt, dass das Handeln und die Sprache der auftretenden Personen mit einer glasklaren realistischen Schärfe geschildert wird, wie man sie nur selten liest.

Das alles wäre als Utopie nicht unbedingt anrührend. Aber leider ist es mehr als Utopie. Die Verstörung über diese Erzählungen hat etwas damit zu tun, dass die realen Keimzellen für solch eine Gossudarenherrschaft in ihren Ausprägungen heute bereits vorhanden sind. Russland wird autokratisch geführt, es gibt einen nationalistisch geprägten russisch-orthodoxen Klerus, der bedenkenlos Atom-U-Boote segnet, es gibt die notorisch prügelfertige Putin-Jugend, und es gibt das ebenso notorisch von Alkohol, Religion und Patriotismus befeuerte freundliche Erdulden all dieser Zumutungen - heute. Sorokins "Zuckerkreml" ist ein sehr heutiges Buch.
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am 5. Juni 2013
Vorsicht, Sorokin ist nicht für jeden Leser passend. Er kultiviert sein Image als enfant terrible der russischen Gegenwartsliteratur auch in diesem Buch, in dem er in Kurzgeschichten ein Panorama (oder eher: Panoptikum) des heutigen Russlands entwirft. Nur, er macht dies durch eine Verlegung ins Jahr 2028, durch ein pessimistische Fortschreibung der Tendenzen im heutigen Russland: Staatsgläubigkeit, wachsender politischer und kultureller Einfluss der Orthodoxen Kirche, Mythenbildung als Mechanismus der Suche Russlands nach sich selbst, Abschottung vom Westen... Wie im "Tag des Opritschniks" vollzieht das Sorokin als Melange aus historischen, aktuellen und zukünftigen Versatzstücken. So sind viele Begriffe und Bezeichnungen (Strelitzen, Bojaren etc.) aus der russischen Geschichte übernommen - eine Geschichte, die ja durchaus reich an Mythen, Unterdrückung und absoluter Herrschaft ist.
Es ist, glaube ich, wichtig, wie man dieses Buch liest: nicht als literarisches Werk von hohem sprachlichen Anspruch, sondern als derbe, überzogene aber auch hellsichtige und aufklärende Parodie auf das heutige Russland. Manches ist dabei etwas bemüht - manches aber sehr gut gelungen.
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am 27. Dezember 2013
Der Zuckerkreml ist bitter und hart, Sorokin erfüllt wieder alle Erwartungen an ein kritisches Buch über die politische Situation Russlands, ohne dabei das literarische können zu verlieren und wiederholend zu klingen..
Absolute Weiterempfehlung.
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am 10. Juli 2015
Sehr interessates Buch, super geschrieben, super Inhalt.
Das Buch ist generell jedem zu empfehlen, der gerne liest und ein Fan von Vladimir Sorokin ist. (Y)
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0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 2. Juni 2013
Das Produkt wurde für ein Studium dringend benötigt und deshalb angeschafft. Die Qualitätr stand deshalb im Hintergrund, es kam auf dern Artikels als solchen an.
Preis und Leistung sind deshalb aus meiner Sicht hervorragend.
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4 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. September 2010
Klasse! Genau so stelle ich mir das Leben in Russland vor. Allerdings nicht erst in ein paar Jahrzehnten, sondern teilweise schon heute. Rumhängen, fressen, saufen, Koks aus der Apotheke, und für die Kinder nix ordentliches zum Anziehen. Werde mir auch die anderen Bücher des Autors bestellen.
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