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Lily Brett und ihr neues Buch «Zu viele Männer»
Ihrem fein gelockten dunklen Haar ist anzusehen, dass es bei feuchter Luft zu einer krausen Dauerwelle zusammenschnurrt. Das und noch vieles mehr weiss man auch als gelegentliche Leserin ihrer «Zeit»-Kolumne «Schöne Grüsse aus New York», und man verabredet sich weiss Gott nicht mit der Schriftstellerin Lily Brett, um derlei Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Aber solche Nebensachen schieben sich unweigerlich vors Auge, auch ihre Vorliebe für die Farbe Schwarz oder braungoldene Transparenz. Schwer zu sagen, ob diese schnell gewachsene Nähe zur Autorin zumindest teilweise das Geheimnis ihres Erfolges ausmacht.
Zur Besonderheit der Autorin Lily Brett gehörte jedenfalls von Anfang an, dass sie ihr eigenes Leben und das ihrer Familie literarisch umgearbeitet hat. Ihre erste Romanfigur, Esther Zepler aus «Einfach so», hat sie in Deutschland zwar nicht auf Anhieb, aber spätestens mit Erscheinen der Taschenbuchausgabe in den Rang einer Bestsellerautorin erhoben. Diese reichlich respektlos und frivol daherkommende Protagonistin mit dem ungewöhnlichen Beruf einer Nachrufeschreiberin sieht sich immerhin als jemand, der «zu einer Gemeinschaft gehört, die sich um die Toten kümmert». Auch tiefste Einblicke in Menopause, Gewichtsprobleme und drei erfolgreich abgeschlossene Analysen, die ausführlich in die Autobiographie «Zu sehen» eingeflossen sind, konnten Lily Brett nicht zur Selbsterfahrungsautorin stempeln. Das Geheimnis Lily Bretts ist letztlich keins, denn sie meint, dass alle Schriftsteller Teile von sich selber ausschreiben, dass alles, was in die Feder fliesst, von niemand anderem als vom Autor selber stamme. Die manische Schreiberin hat heute eine ganz einfache Formel für ihre Arbeit gefunden: Darüber schreiben, was es heisst, ein Mensch zu sein.
Rückkehr nach Polen
Mit ihrem neuen Roman «Zu viele Männer» entfernt sich Lily Brett vom vertrauten Alter Ego dieser Edith Zepler, ihrer Künstlerehe und ihren drei Kindern; nur Edek, der australische Vater der Protagonistin, bleibt in grossen Zügen erhalten. Bretts neue Heldin heisst Ruth Rothwax, dreiundvierzig, dreimal geschieden, alleinstehend, kinderlos, Inhaberin der erfolgreichen New Yorker Firma Rothwax Correspondence als Mitglied des schreibenden Gewerbes und mit besagtem Vater ein weiteres Alter Ego der Autorin, aber weniger behaftet mit den unangenehmen Yuppie-Eigenschaften einer New Yorker Überlebenskünstlerin. Eine «Liebesgeschichte zwischen Vater und Tochter» nennt Lily Brett den unter vielen Mühen entstandenen Roman, der sich auf ein gefährliches Terrain begibt: ins Zentrum des Holocaust, in den ungeschützten Raum einer erzählten Erinnerungsarbeit. Ruth und Edek Rothwax befinden sich nämlich auf einer Polenreise; die Anbindung an die Familiengeschichte der Autorin ist unübersehbar. Lily Bretts Eltern sind Auschwitz-Überlebende, sie selbst wurde 1946 als Lilijahne Breitstein im Durchgangslager Feldafing in Bayern geboren. Dort hatten sich ihre Eltern, die im Ghetto von Lodz geheiratet hatten, zufällig nach dem Krieg wieder getroffen und wanderten bald darauf nach Australien aus.
Das ist der Grund, warum Polen bis heute eine Art Magnetwirkung auf Lily Brett ausübt. Die Psychoanalyse hat sie gelehrt, dass das Wissen um die eigene Herkunft unabdingbar zur Selbsterkenntnis und damit zum menschlichen Reifeprozess gehört. «Wenn ich auch im Kopf verstehe, dass alle verschwunden und tot sind, ist Polen für mich der einzige Platz auf der Erde, wo eine jüdische Gemeinde existiert. Ich habe jahrelang nach ihnen gesucht, obwohl sie nicht mehr da waren. Heute ist für mich der Friedhof der einzige Ort, wo ein Treffen mit europäischen Juden möglich ist. Das Land muss deshalb eine so starke Anziehungskraft auf mich ausüben, weil es eine so lebendige jüdische Kultur beherbergte. Ich habe unzählige Reisen dorthin gebraucht, um zu verstehen, dass die einzigen Orte, die übrig geblieben sind, Friedhöfe und Todeslager sind.»
Zu den «Höhepunkten» der Polenreise von Ruth und Edek Rothwax gehören natürlich der Besuch des ehemaligen Wohnhauses der Familie in Lodz, das seit deren Umsiedlung ins Ghetto von einem polnischen Ehepaar bewohnt wird, der Besuch von Krakau und der Todeslager Auschwitz und Birkenau. Dabei verhehlen weder Romanfigur Ruth Rothwax noch Lily Brett persönlich ihr Erschrecken und ihren Abscheu angesichts des virulenten alltäglichen Antisemitismus im heutigen judenfreien Polen. Angesichts der offensichtlichen Vermeidungsstrategie der Polen, sich mit der jüdischen Geschichte zu beschäftigen, erhebt die Schriftstellerin den Vorwurf, die Vergangenheitsbewältigung sei dort bis heute unterblieben; im Roman bringt Ruth Rothwax' Empörung darüber sogar das erzählerische Gleichgewicht ins Wanken.
In «Einfach so» war der Transfer aus der New Yorker Gegenwart in die KZ-Vergangenheit deutlich als erzählerischer Kunstgriff abgegrenzt; «Zu viele Männer» ist jedoch, um es mit Lily Bretts eigenen Worten zu sagen, als eine Auseinandersetzung mit den Nachwehen des Holocaust anzusehen: mit den Folgen des Mordens, mit den tiefgreifenden und anhaltenden Auswirkungen auf alle Betroffenen, mit der schmerzvollen Tatsache, dass es all diese zerbrochenen, verlorenen, toten Menschen gibt auch mit der Sorglosigkeit, die noch heute im Umgang mit jüdischen Besitztümern offenbar wird.
Der Tod als Arbeit und Attraktion
Aber «Zu viele Männer» wäre kein Roman von Lily Brett, wenn er nicht den unverwüstlichen Überlebens- und Lebenskünstler Edek Rothwax als Antipoden, als «Korrektur und Gegengift» zu seiner oft aus der Rolle fallenden Tochter entwickelte und ihm in Zofia und Walentyna noch zwei skurril-liebenswerte Helferinnen zur Seite stellen würde. Sogar Ruths imaginierten Zwiegesprächen mit dem Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss als Insasse des Zweiten Himmelslagers versteht die Autorin noch einen humorvollen Aspekt abzugewinnen. Sie habe absichtlich den «ganz normalen Mann» Höss als «Zeitzeugen» ausgewählt, weil sie schon seit Jahren über die ganz normalen Menschen schreiben wollte, die grauenvolle Dinge tun. Für Lily Brett ist Höss tatsächlich ein ganz normaler Familienvater, einer, der auch im Todeslager, wie es ausdrücklich heisst, harte und gute Arbeit geleistet hat.
Wie unversöhnlich Lily Brett jedoch der Vermarktung des Holocaust gegenübersteht, sieht man schon daran, dass sie die ahnungslose Ruth Rothwax auf einen von «Schindlers Liste» inspirierten Parcours nach Kazimierz schickt und deren Wut Empörung noch einmal zum Überkochen bringt. «Es ist ein Witz, eine Kultur in eine Touristenfalle zu verwandeln. Es ist ein Witz, Geld mit Menschen zu verdienen, die ermordet wurden, ein Witz, wenn sich die Darsteller in den Kabaretts grosse Nasen aufsetzen, um für die Touristen jiddische Lieder zu singen.» Die Gefahr, dass sie als Autorin in den Sog der sogenannten «Holocaust-Industrie» geraten könnte, sieht Lily Brett jedenfalls nicht. Sie klingt sehr bescheiden, wenn sie über ihre Rolle als Schriftstellerin spricht. Sie will ihre Leser zum Lachen und zum Weinen, allerdings auch zum Denken bringen; mehr würde sie nicht verlangen. Wenn man ihr zuhört, verschwindet die Autorin mit den extravaganten Erzählsprüngen, mit dem zuweilen grenzüberschreitenden jüdischen Humor. Man sieht eine Frau vor sich, die als Tochter von Holocaust-Überlebenden, als einzige Nachfahrin einer einst weitverzweigten ermordeten Familie eine besondere Dimension von Erfahrung besitzt, die sie einfach an ihre Leser weitergeben muss.
Marli Feldvoss
Bücher von Lily Brett in deutscher Übersetzung:
Lily Brett liest am Dienstag, 3. April, um 20 Uhr im Restaurant Falcone an der Birmensdorferstrasse 150 in Zürich. Billette: Telefon (01) 450 73 83. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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