Wer kennt nicht die Vorurteile über die britische Küche? Wird überhaupt eine Küche Europas mit so vielen Frotzelei bedacht wie die der Briten? Irgendwo zwischen langweiligen deftigen Gerichten und Minzsoße scheint sich aber mehr zu verstecken...jedenfalls möchte Jamie Oliver das in seinem neuen Kochbuch "Zu Gast bei Jamie: Die besten Rezepte aus dem Königreich" unter Beweis stellen und schafft es auch.
In mehreren Kategorien stellt Oliver gewohnt alltagstaugliche, aber raffinierte Rezepte von deftig bis leicht vor, die ohne großen Aufwand nachgekocht werden können. Der gesamte Stil des Buchs unterstützt die Alltagstauglichkeit seiner Rezepte: die Seiten aus mattem Papier, die Aufmachung ansprechend poppig-bunt, die Fotos rustikal-unperfekt mit viel Holz und ein paar Klecksen. Der klare Vorteil solcher Fotographien liegt auf der Hand: Sie sind realistisch und der Hobbykoch zu Hause muss keine Enttäuschung fürchten, wie es bei anderen Hochglanzkochbüchern mit sehr gestellten Fotos, auf denen jeder Salzkrümel perfekt sitzt, der Fall sein kann. Das Essen kann zu Hause ohne viel Aufwand genauso aussehen wie bei Oliver.
Allerdings - auch wenn ich diese rustikalen Fotos auf alten Holztischen und in der Natur durchaus ansprechend finde - kann man es mit dem Klecksen und Kleckern, mit dem Schmieren und Krümeln gelegentlich auch übertreiben und das ist für mein Empfinden bei einigen Darstellungen passiert. Natürlich auszusehen, wie frisch gemacht und zum direkt essen serviert, ist gut - eingesaut und chaotisch dagegen eher nicht mehr.
Die Textpassagen sind gut zu lesen, locker geschrieben und auch oft sehr farbenfroh gestaltet und laden ebenso zum durchblättern ein wie die dazugehörenden Fotos.
Allerdings stellt sich bei mir auch die Frage, wie viel Fertigprodukte in der alltagstauglichen Küche erlaubt sind. Muss es zum Beispiel wirklich der "Hühnerbrühwürfel" (auch wenn er "Bio" sein soll) sein oder das Puddingspulver mit Erdbeergeschmack? Für meinen Geschmack schadet eben auch ein klein wenig Anspruch manchmal nicht.
Daher mit leichten Abzügen in der B-Note vier Sterne. Gutes, solides Kochbuch im gewohnten Jamie-Oliver-Stil, das die britische Küche von ihrer kreativen Seite präsentiert.