"Zornige, grüne Insel" von Liam o'Flaherty, geschrieben in den 30er Jahren, ist eines der realistischsten, aber somit auch bedrückendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Der Autor versteht es den Leser in die Welt der irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts hineinzuversetzen. Etwas düster, dreckig, vielleicht auch ordinär, auf alle Fälle jedoch alltäglich, erscheint uns anfangs das Leben der Familie Kilmartin, welches uns präsentiert wird. Ich persönlich war schon dazu geneigt, aufgrund dieser deprimierenden Schilderung das Buch nach den ersten Kapiteln aus der Hand zu legen. Doch nur derjenige, der bereit ist weiterzulesen, wird auch wirklich in die Tiefe dieses Buches einsteigen können. Motiviert durch die Schilderung weiterer Personen, die Hoffnung, Sauberkeit, ja gewissermaßen Glanz in die armselige Hütte und in das Leben im Tal drum herum brachten, las ich dann doch weiter. Und erst eine ganze Weile später sollte ich erkennen, wie gut es der Familie anfangs noch ging, dass Schweine und Hühner in der Küche gehalten ein Zeichen für Wohlstand - und für Nahrung - waren. Mit dem gnadenlosen Eintreiben der Pachtzinsen der britischen Obrigkeit und der verfaulenden Kartoffelernte fing dann das Unglück der Menschen im Ort erst an. Der erste Tod einer Frau ist noch eine schreckliche Angelegenheit, die die Anwohner in Unruhe versetzt. Doch im Laufe der Zeit häufen sich die Todesfälle, werden Alltag. Die Menschen stumpfen ab, sind überhaupt nicht mehr in der Lage, die schreckliche Situation um sich herum vollständig zu begreifen. Einige Personen "flüchten" regelrecht in eine Verwirrtheit des Geisteszustandes und entziehen sich damit der Realität. Mary, die junge Schwiegertochter des alten Kilmartin, deren Mann nach gewalttätigen Auseinandersetzungen mit anderen aufrührerischen Männern geflohen ist, kämpft hart um ihr Überleben. Wäre da nicht ihr kleiner Sohn, hätte sie längst aufgegeben. So sieht sie hilflos dem um sich greifenden Elend zu, erträgt den Tod geliebter Menschen und hat nur eine Hoffnung: bevor auch sie ihre Kräfte verlassen mit ihrem Mann Martin und dem kleinen Sohn nach Amerika auszuwandern. Ein schockierender historischer Roman, der aber keinen Zweifel an der Authenzítät der Lage lässt. Nicht unbedingt geeignet für sehr nervenschwache Leser, aber allemal ein Muss für diejenigen, die nachvollziehen wollen, wie ein Teil der irischen Geschichte sich tatsächlich abgespielt haben wird. Erschreckend realistisch und bewegend, aber auf alle Fälle ein Gewinn für jeden Leser.