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Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch
 
 
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Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch [Gebundene Ausgabe]

Peter Sloterdijk
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (21 Kundenrezensionen)

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Pressestimmen

»Der Zorn, ob gerecht oder blind, ist der stärkste und zerstörerischste Motor der Geschichte. Von den tragischen Helden der Antike bis zu den Revolutionären und Hasspredigern der Gegenwart analysiert der Philosoph Peter Sloterdijk die politische Macht des Furors.«

(Der Spiegel )

»Ist Sloterdijks thesenfreudiger Gang durch die Menschheitsgeschichte, seine Darstellung religiöser und politischer Zornverwaltung anregend? Unbedingt!« (Die Zeit, Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse )

»...gewaltig erzählte Analyse der Zornkollektive...« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse )

Kurzbeschreibung

Unverwechselbares Kennzeichen des Denkens und Schreibens von Peter Sloterdijk ist die Einbettung aktuellster Fragen in ihre lange Geschichte. Dadurch gelangt er zu Neubestimmungen der gegenwärtigen condition humaine, kann sie durch eine bisher unbekannte Perspektive sichtbar machen und unerwartete oder ungewollte Zusammenhänge nachweisen. In seinem neuen Essay geht er auf den Zorn ein, dessen Folgen sich als Kampf, Gewalt, Aggression äußern. Am Anfang des ersten Satzes der europäischen Überlieferung, die mit der Ilias beginnt, steht das Wort »Zorn«. Er gilt dort als unheilbringend – und wird deshalb hoch geschätzt, auch weil er Helden hervorbringt. Wie kommt es, daß Zorn schon relativ bald danach in der Polis nur in eng umgrenzten Situationen zugelassen wird? Wie kommt es in späteren kulturellen Traditionen zur Herausbildung des »heiligen Zorns« und damit zugleich eines ersten Begriffs von Gerechtigkeit? Wie ist eine kommunistische Weltbank des Zorns denkbar? Wie kam es dazu, daß die Gesellschaften mit Gerechtigkeit als Grundwert den Zorn in allen Kontexten ausgeschlossen haben? Und wie ist seiner Wiederkehr zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu begegnen? Peter Sloterdijk formuliert eine Antwort: »Große Politik geschieht allein im Modus von Balanceübungen. Die Balance üben heißt keinem notwendigen Kampf ausweichen, keinen überflüssigen provozieren. Es heißt auch, den Wettlauf mit der Umweltzerstörung und der allgemeinen Demoralisierung nicht verloren geben.«

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
53 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Bernhard Horwatitsch VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
"Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche einmal. Und Peter Sloterdijk beschreibt in seinem Essay "Zorn und Zeit", wie sich die großen Institutionen der Macht in den letzten Jahrhunderten der menschlichen Zivilisation, diese große Wut der Einzelnen nutzbar machten. Sloterdijk spricht dabei von Zornbanken, von Zornmanagement, Zornwirtschaft. Die Wut des einzelnen Menschen zu kontrollieren, diese Energie im großen Stil zu verwalten, das war und ist nach Peter Sloterdijk eine der Aufgaben der großen Politik, der Kirche, der Partei (Kommunismus und/oder Faschismus).

Wohin mit der Wut des Einzelnen auf die bestehenden Verhältnisse? Wohin mit unserem Zorn auf die Ungerechtigkeiten? Wohin mit unseren Rachegelüsten?

Ganz einfach: Wir bringen sie auf die nächst beste Zornbankfiliale. Sloterdijk bringt in seinem gewohnt literarischen Schreibstil einen Kulturbericht über die Domestikation des "homo homini lupus". Sloterdijks Analyse beginnt mit einer Gegenüberstellung der sieben Todsünden. Auf der einen Seite stehen die verlangenden Sünden: Wollust, Habgier und Maßlosigkeit. Auf der anderen Seite stehen die eher geistigen Sünden: Hochmut, Zorn und Eifersucht. Während sich die Ökonomie, der Kapitalismus immer schon um den verlangenden Teil der Seele des Menschen kümmerte, war und ist es Aufgabe der Politik und der Religionen, sich um den geistigen Anteil der menschlichen Sündhaftigkeit zu streiten. Sloterdijk sieht in der Erschöpfung von Ideologien einen wesentlichen Grund für eine Zunahme von Vandalismus. Sloterdijk schreibt: "Die Zeit derer, die für die große Szene leben, hat begonnen." (erzählte Rache, Seite 85) Und an Sloterdijks Thesen mag schon etwas dran sein, wenn man sich die sinnlose Wut und Aggressivität der jüngsten Bluttaten Jugendlicher in Mecklenburg (Tessin) ansieht. Töten um des Tötens willen, blinde Wut, unbegriffene, theoretisch nicht reflektierte Wut, Zorn ohne Vernunft, ohne politischen Inhalt.

In einer gleichsam wütenden Analyse der Vergehen des sowjetischen wie chinesischen Kommunismus und dem Irrtum westlicher linker Intellektueller diesem verfehlten Kommunismus zu huldigen, erlebt nun Peter Sloterdijk seine große Szene.

Ob unsere "Rationalitätskultur" die auf "Beobachtung zweiter Ordnung" basiert, wirklich die "maligne Naivität" stoppen kann, indem sie den "Geltungswillen mit Selbstrelativierung verbindet", sei dahin gestellt. Und ob am Ende alles in dem Begriff "Weltkultur" mündet, oder dies doch nur ein Weltkulturerbe ist, auch das wird die Zeit bringen. Sloterdijk hat jedenfalls mit "Zorn und Zeit" ein spannendes und lesbares Buch geschrieben.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von ludwigwitzani TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Manche Wahrheit kann man nur verhüllt aussprechen. Wenn die finalen Thesen des Buches in leicht verständlicher Diktion gleich am Anfang des Werkes ständen, würden die Gutmenschengeier über den Autor herfallen und kein Blatt auf dem anderen lassen. Eingepackt in ein philosophisches Werk von 330 Seiten jedoch bleibt die Wahrheit unbehelligt - vielleicht sogar unbeachtet, weil sich kaum jemand die Mühe macht, ein solches Buch zu lesen.
Was schade ist. Denn Sloterdijk, der mit Abstand inspirierendste Sozialphilosoph unserer Zeit, eröffnet dem Leser einen neuen Verständnishorizont unserer Lebenswelt. Was aber kann diesen neuen Verständnishorizont eröffnen? Eine neue Theorie der Menschenrechte, der Zivilgesellschaft, der Klimarettung oder eine neue Genderotopie? Das sind doch alles Narrenkappen oder alte Hüte - es geht um etwas viel Elementares: es geht um den Zorn.
Der Zorn steht im ersten Satz der abendländischen Literatur ( der Zorn des Achilleus), und der Zorn wird noch an ihrem Grabe stehen. Denn der Zorn ist ein Mischung aus Wut und Kraft, eine Energie, die sich in Zorndepots" ansammelt um durch die richtigen Fokussierungen zur kraftvollen Veränderung der Welt beizutragen. Wenn die Revolutionen nach Marx die Lokomotiven der Weltgeschichte sind, dann ist der Zorn ihre Antriebsenergie.
Das ist eine erregende, neuen Perspektive, und die Art, wie Sloterdijk diese Sichtweise entlang der abendländischen Literatur- und Geistesgeschichte immer aufs neue durchdekliniert, ist beeindruckend und brillant. Diese Passagen über autosuggestive Zornmassen" oder die ursprüngliche Akkumulation des Zorns", über alttestamentarische und christliche Zornexzesse muss man gelesen haben: ein Schatzkästchen für jeden Philosophieinteressierten, eine ganze Galerie exzellenter Miniaturen, die sich zu einem neuen Bild der gesellschaftlichen Evolution zusammen setzen.
Ohne zu viel verraten zu wollen, sei nur auf den Ausklang und die zeitdiagnostische Pointe des Werkes hingewiesen. Nach Sloterdijk leben wir im Westen in einer thymotisch vollkommen verarmten Epoche - nach den Zornexzessen des Nationalsozialismus und des Kommunismus ist die Legitimität des Zorns obsolet geworden. Der Zorn kann sich nicht mehr äußern, er diffundiert und verkrüppelt - wo Zorn war, triumphiert nun unter dem Einfluss der Gutmenschen die Schuld, die Neurose, die Selbsterniedrigung
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn inmitten und vor den Toren der entzornten Gesellschaft erhebt ein neuer Zorn sein Haupt, als thymotische Energie schrecklicher und furchterregender als alles vorhergehende: der Islamismus. Vollkommen unangekränkelt von den Sprachvorgaben des politische korrekten Neusprech beschreibt der Autor auf den letzten Seiten des Buches die heraufziehende Gefahr des Islamismus in einem derartigen Klartext, das einem das Grausen ankommen kann. "Der unvorbereitete Leser des Koran kommt nicht umhin, zu stauen, wie ein heiliges Buch, ohne Furcht davor, sich selbst zu dementieren, nahezu auf jeder Seite den Feinden des Propheten und des Glaubens die Pein des ewigen Feuers anzudrohen vermag."(S. 345) Und gleich anschließend heißt es. "Kein Mensch würde sich um die dunklen Koranstellen kümmern, wären da nicht die Millionen zählenden gewalthungrigen Gottsucherbanden, die sich die Worte zu ihren kommenden Taten zurechtlegen."(S. 346). Das ist das Problem, und einen Rat weiß auch der Autor nicht. "Selbst Kenner der Lage besitzen heute nicht die geringste Vorstellung davon, wie der machtvoll anrollende muslimische youth bulge, die umfangreichste Welle an genozidschwangeren Jungmännerüberschüssen in der Geschichte der Menschheit mit friedlichen Mitteln einzudämmen wäre"(S. 347).
Dabei liegt die Therapie nach der Lektüre des Buches klar auf der Hand. Gegen diesen Zorn werden sich nur Gesellschaften behaupten können, die selbst wieder zornig werden. Aber diese Wahrheit auszusprechen, war dem Autor dann vielleicht doch noch ein wenig zu heiß.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Wie schon "Im Weltinnenraum des Kapitals" so ist auch bei "Zorn und Zeit" - und wie ich hoere auch bei vielen anderen Veroeffentlichungen von Sloterdijk - das Prinzip immer das selbe: Aktuelles und Altbekanntes wird aus der Geschichte heraus erklaert, d.h. die philosophisch-historischen Wurzeln des Phaenomens werden hergeleitet und erklaert.

Auf diese Weise ergeben sich durchaus sehr interessante Perspektiven und Erklaerungen, die der interessierte Leser so, und vor allem in ihrer Gesamtheit, wohl noch nicht allzuoft gesehen und gelesen hat.

Das ist dann auch der eigentliche Mehrwert der Veroeffentlichungen von Sloterdijk: Es gelingt ihm immer wieder, den ganz grossen historischen Bogen zu spannen, von biblischen Zeiten zum gewalttaetigen Islamismus heutiger Provenienz. Dabei findet er dann auch immer die richtigen Zitate bei den richtigen Autoren, und ist auch immer wieder fuer eine Ueberrschung gut. So hat das grosse Lob fuer Francis Fukuyama dann doch eher verwundert.

Gewiss, die einzelnen Aspekte sind (fast) alle schon so erkannt und benannt worden; den spezifischen Charme erhaelt "Zorn und Zeit" (wie auch "Im Weltinnenraum der Kapitals") durch das Zusammenfuegen der Einzelteile mit dem typisch sloterdijk'schen Kleber: Viel Witz, Ironie und Sarkasmus in der Sprache, gepaart mit einem enormen Fundus an philosophiegeschichtlichem Wissen.

Was manche Rezensionen zuvor bereits angedeutet haben - nichts ist wirklich neu in beiden Veroeffentlichungen. Alles so, oder so aehnlich schon bekannt; dennoch entsteht - im grossen Bogen des Zeitablaufs zusammengestellt - jeweils ein sehr interessantes und lesenswertes Buch. Wobei beide Werke vom Anspruch her wohl eher als Sloterdijk-light bezeichnet werden koennen.

Die Schlussfolgerungen in beiden Faellen absolut im Mainstreum des westlichen Denkens und vollstaendig mehrheitsfaehig; aus meiner Sicht sind trotzdem beide Buecher lesenswert; allein schon wegen Sloterdijks sehr eigener Ausdrucksweise, seiner Sprache, seinem Witz und - nicht zu unterschaetzen - seiner verwendeten Quellen.
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