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Dass die Geschichte der Wissenschaft keine geradlinige und kohärente Entwicklung, sondern ein Hindernislauf war, zeigt der amerikanische Wissenschaftsjournalist Hal Hellman in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch über grosse Wissenschaftsdispute. In kurzweiligen Essays beschreibt Hellman die zehn berühmtesten Streitfälle der Wissenschaftsgeschichte: Vom Disput zwischen Galileo und dem Papst Urban VIII. über den Konkurrenzkampf zwischen Newton und Leibniz um die Entdeckung der Infinitesimalrechnung bis hin zum Fossilienstreit zwischen Edward Cope und Othniel Marsh und zur «Nature versus Nurture»-Kontroverse zwischen Derek Freeman und Margaret Mead erzählt Hellman Wissenschaftsgeschichte als Streitgeschichte. Zwar stellt er die wissenschaftlichen Prämissen der Konflikte und ihren Ausgang dar, aber er ist vor allem bemüht, die Streitparteien zu porträtieren und den soziokulturellen Kontext und die Folgen der Dispute zu zeigen. So erfährt man auch von verschiedenen Nebenerscheinungen, die der Kampf um die Wahrheit mit sich brachte: Die Auseinandersetzung zwischen Newton und Leibniz trug wesentlich zur Entwicklung des modernen wissenschaftlichen Aufsatzes bei; durch den Fossilienstreit ging das Wort «Dinosaurier» in die Alltagssprache ein; der Streit um die Herkunft des Menschen schliesslich wurde politisch ausgenutzt. So ist das Buch eine amüsante Lektüre, die sich an ein breites wissenschaftlich interessiertes Publikum richtet, demjenigen, der mehr wissen will, aber weiterführende Literaturhinweise gibt.
Stefana Sabin
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Dramaturgisch und redaktionell ist das Buch in seiner deutschen Fassung aber derart misslungen, dass man gar nicht oft genug mit dem Kopf schütteln kann.
Die Auseinandersetzung "Evolutionstheorie versus Konstanz der Arten" kulminiert beispielsweise in Oxford in einem historischen Disput, ohne dass dieser Disput im Buch angemessen ausgeführt wird - die Spannung beim Lesen steigt und steigt, aber wo der Höhepunkt sein müsste, bricht die Schilderung einfach ab - es wirkt, als wenn der deutsche Verlag Lizenzkosten für ausführliche Zitate gescheut hätte. Noch viel ärgerlicher aber ist die schlampige Übersetzung, ständig trifft man auf Satzgebilde, deren Wortstellung mehr englisch ist als deutsch und auf fachliche Ungenauigkeiten, wie z.B. - Zitat - "Änderungsparagraphen der Verfassung der USA", wo es schlicht "Verfassungszusatz" heißen müsste; "bones" wurden mit Knochen übersetzt, wo es Skelett heißen müsste, und ausgerechnet Margred Mead wird durch eine falsche Übersetzung von "human instincts" unterschoben, aufgrund ihrer - Zitat - "menschlichen Instinkte" ihre Zivilisationstheorie des Verhaltens entwickelt zu haben - falscher kann man Frau Mead nicht einordnen. Ganz unentschuldbar aber sind fachliche Fehler - Gregor Mendel werden Experimente mit Bohnen untergeschoben, er forschte aber - Mittelstufenwissen deutscher Gymnasien - mit Erbsen. Und der Afrikanische Graben, der Fundort vieler Vormenschenknochen, wird mehrfach mit Amerikanischer Graben übersetzt. Die Mängelliste ließe sich fortsetzen.
Der Autor Hal Hellmann greift diese Problematik auf und zeigt an zehn spannenden Beispielen, wie Naturwissenschaftler mit unterschiedlicher Ansichten sich begegnen und miteinander privat und öffentlich umgehen. Existenzielle Aussagen, die keinen Kompromiss zulassen schaffen eine gladiatorenähnliche Arena. Nur einer kann Recht haben und nur einer wird der Nachwelt namentlich in Erinnerung bleiben. Deshalb ist der Einsatz hoch und die feine gesellschaftliche Etikette wird allzu leicht Opfer wissenschaftlicher Besessenheit. So muß Galilei seinen Standpunkt gegenüber Papst Urban VIII mit dem Leben bezahlen. Auch Leibniz und Newton schenkten sich nichts beim Streit um die Differenzialgleichung. Erfreulicherweise finden nicht nur sehr ernste und lebensgefährliche Auseinandersetzungen Erwähnung sondern auch erheiternde wie die zwischen Cope und Marsh, zwei Fossiliensucher prähistorischer Dinosaurier. Ihr Streit erheiterte jahrelang die Leser der amerikanischen Presse.
Die Buchidee, wissenschaftliche Aussagen quasi als Lebensduelle dargestellt zu vermitteln ist originell und verdient Anerkennung. Neben einem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis sind jeden Kapitel helfende Erläuterungen am Ende des Buches hinzugefügt. Die Bibliographie von zwanzig Seiten lässt kaum Wünsche offen und ist eine weitere Fundgrube für den interessierten Leser. Ein ordentliches Sachregister macht das Buch zu einer runden Sache.
Wünschenswert wäre ein Band 2, denn es gibt sicher mehr als zehn bemerkenswerte wissenschaftliche Dispute in der Geschichte der Menschheit.
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