Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Jahrelang versetzte ein als Zodiac berühmt gewordener Serienkiller Kalifornien in Angst und Schrecken und spielte mit der Polizei ein grausames Katz-und-Maus-Spiel. Regisseur David Fincher (Se7en, Fight Club) verfilmt die Geschichte einer unglaublichen Mordserie mit u. a. Jake Gyllenhaal, Robert Downey Jr. und Gary Oldman. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Klappentext
San Francisco Chronicle
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nach Jack the Ripper und vor Son of Sam Ende der Siebzigerjahre gab es nur einen, der ebenso viel Schrecken verbreitete – den brutalen, geheimnisumwitterten Zodiac, der nie gefasst werden konnte. Seit 1968 suchte der Serienmörder die Stadt San Francisco und die Bay Area heim. In den provozierenden Briefen, die er an verschiedene Zeitungen schickte, versteckte er Hinweise auf seine Identität, die er jedoch mit ausgeklügelten Chiffren verschlüsselte, die nicht einmal die erfahrensten Experten von CIA, FBI und NSA zu knacken vermochten.
Ich war damals Karikaturist der größten Zeitung in Nordkalifornien, des San Francisco Chronicle, und bekam so von Anfang an mit, wie die rätselhaften Briefe, die Geheimtexte und sogar blutverschmierte Kleidungsstücke der Opfer in der Redaktion eintrafen. Zuerst war ich zugegebenermaßen fasziniert von der Symbolik, die der Zodiac verwendete. Nach und nach wuchs in mir jedoch der Drang, die Hinweise des Mörders zu enträtseln und ihn zu entlarven. Und falls mir das nicht gelingen sollte, so wollte ich zumindest so viele Teile des Puzzles wie nur möglich zusammenfügen, damit eines Tages jemand den Serienmörder enttarnen könnte.
Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wurde mir klar, dass ich vor zwei großen Problemen stand: Zum einen würde es nicht leicht werden, die verschiedenen Verdächtigen und die wenigen überlebenden Opfer ausfindig zu machen, denn viele der Zeugen scheuten sich, bei der Aufklärung mitzuhelfen. Um die fehlenden Fakten zu finden, war ich jedoch auf die Aussagen der fehlenden Zeugen angewiesen. Eine Zeugin hatte nicht weniger als sechsmal ihren Namen geändert, um unerkannt zu bleiben. Eine andere Frau, die dem Zodiac-Killer entwischt war, hatte ebenfalls im Laufe der Zeit verschiedene Namen angenommen. Ich fand sie schließlich durch den Poststempel auf einer Weihnachtskarte.
Das zweite große Problem, mit dem ich mich konfrontiert sah, war die Tatsache, dass die Morde in verschiedenen Bezirken verübt worden waren. Das stark ausgeprägte Konkurrenzdenken bewog viele der zuständigen Polizeidienststellen, Informationen für sich zu behalten, die den Kollegen in anderen Bezirken fehlten. Nachdem ich mir in mühsamer Kleinarbeit ein Dokument nach dem anderen verschafft hatte – oftmals kurz bevor es vernichtet wurde, setzte ich alle Hinweise zusammen, um so ein erstes umfassendes Bild des Zodiac-Killers zu bekommen.
Nachdem ich mich bereits einige Jahre mit dem Fall beschäftigt hatte, fand ich im Jahr 1975 heraus, dass wohl mehr Morde auf das Konto des Zodiac gingen, als man zunächst angenommen hatte. Außerdem hatte offenbar eines der frühen Opfer des Killers möglicherweise den Namen des Täters gekannt. Die Frau wurde jedoch ermordet, als sie sich gerade an die Polizei wenden wollte, um die wahre Identität des Mörders preiszugeben.
Gegen einen derart zwanghaft agierenden und scheinbar wahllos tötenden Mörder gibt es keinen echten Schutz. Verbrecher dieses Typs sind unersättlich in ihrer Mordlust, und gerade Kalifornien scheint besonders oft von Serienmördern heimgesucht zu werden (nur in New York haben noch mehr davon ihr Unwesen getrieben). Mehrfachmorde stellen ein relativ neues Phänomen dar – doch mittlerweile fallen, so das Justizministerium, jedes Jahr zwischen 500 und 1 500 Amerikanerinnen und Amerikaner einem solchen Killer zum Opfer.
Die Zodiac-Morde zeichnen sich durch ein ganz bestimmtes Charakteristikum aus; sie hatten eine eindeutige sexuelle Komponente, das bedeutet, der Mörder degradierte seine Opfer zu bloßen Objekten, die ihm sexuelle Lust verschafften, indem er sie auf brutale Weise misshandelte und tötete. Die Jagd auf das Opfer war sozusagen das Vorspiel, und das Zuschlagen war ein Ersatz für den sexuellen Akt. Als Sadist empfand Zodiac sexuelle Lust, wenn er sein Opfer quälen und schließlich töten konnte. Brutale Gewalt und Liebe waren in seinem Gehirn von Anfang an hoffnungslos miteinander verwoben.
Sadisten und Serienmörder sind oftmals sehr intelligent und deshalb nur schwer zu fassen. Das Katz-und-Maus-Spiel, das sie mit der Polizei treiben, kann in manchen Fällen sogar zum Hauptmotiv für ihre Verbrechen werden. Wenn solche Killer gefasst werden, legen sie zumeist ein umfassendes Geständnis ab, dessen grausige Details fast so schaurig sind wie die Taten selbst. Niemand weiß genau, wodurch jemand zum gewalttätigen Sadisten wird; Fachleute gehen davon aus, dass entweder ein beschädigtes Sex-Chromosom oder ein Ereignis in der frühen Kindheit der Auslöser sein könnte. Wenn jemand in jungen Jahren Grausamkeit und Ablehnung von seinen Bezugspersonen erfährt, kann das dazu führen, dass der Betreffende zum Bettnässer oder Ladendieb wird; es kann aber auch sein, dass er anfängt, Tiere zu quälen und zu verstümmeln. In der Pubertät kann sich die aufgestaute Wut in immer drastischeren und gut verborgenen sadistischen Akten ausdrücken.
Wenn man die Geschichte rund um den Zodiac-Killer mit einem Wort charakterisieren müsste, so wäre dieses Wort Besessenheit. Im Laufe der Zeit hat der Fall dazu geführt, dass Ehen in die Brüche gingen, berufliche Laufbahnen zerstört wurden und Menschen nachhaltigen gesundheitlichen Schaden nahmen. Mehr als 2500 Verdächtige wurden überprüft, während das Rätsel rund um den Serienkiller immer mehr Menschen in seinen Bann zog und für viele von ihnen eine schwere Belastung darstellte.
Ich wollte mit diesem Buch erreichen, dass der tragische Lauf der Dinge gestoppt und der Mörder gefasst werden könnte. Nach und nach gelang es mir, den Sinn hinter den Symbolen in seinen Briefen zu erkennen, und ich lernte zu verstehen, wie der Mann seine verschlüsselten Texte verfasst hatte, warum er diesen oder jenen Mord verübt hatte und sogar, woher er sein charakteristisches Symbol, das Kreuz im Kreis, hatte.
Dies ist die wahre Geschichte der Jagd auf einen Serienkiller, die im Jahr 1968 begonnen hat und deren Ziel bis heute nicht erreicht wurde. Ich lege in diesem Buch hunderte von Fakten vor, die bisher noch nie veröffentlicht wurden. Es ist ein Bericht, dem acht Jahre Recherchieren zugrunde liegen. In all den Jahren hat die Polizei oder die Presse immer nur einzelne Passagen der Briefe des Mörders veröffentlicht. In diesem Buch lege ich erstmals jedes einzelne Wort öffentlich vor, das der Zodiac-Killer an die Polizei geschrieben hat.
In einigen wenigen Fällen war es notwendig, die Nachnamen von Zeugen wegzulassen, die der Polizei bekannt sind. Ich habe die Namen von einigen der Hauptverdächtigen ebenso geändert wie verschiedene Details bezüglich ihres Berufslebens, ihrer Ausbildung und der Wohnorte. In den Fällen, wo Änderungen notwendig waren, habe ich das im Buch angemerkt. In dem Kapitel über Andrew Todd Walker habe ich bestimmte Dialogpassagen eingefügt, die vielleicht nicht wörtlich, aber durchaus sinngemäß so stattgefunden haben dürften.
Diese Geschichte handelt unter anderem auch von Zauberei, Todesdrohungen und Geheimtexten, sie handelt von einem Serienkiller, der nie gefasst wurde, von einem geheimnisvollen Mann in einem weißen Chevy, der von vielen gesehen wurde, aber den niemand zu kennen schien. All das gehört zum Rätsel rund um den Zodiac-Killer – der beängstigendsten Geschichte, die mir je zu Ohren gekommen ist.
Robert Graysmith San Francisco Mai 1985
Karte mit den Tatorten von Zodiacs Opfern im nördlichen Kalifonien. Karte von R. Graysmith
1
David Faraday und Betty Lou Jensen
Freitag, 20. Dezember 1968
Wenn er durch die hügelige Landschaft oberhalb von Vallejo wanderte, konnte David Faraday immer wieder einen Blick auf die Golden Gate Bridge erhaschen. Außerdem sah er die Fischer, die Segel- und Rennboote in der San Pablo Bay und die breiten, mit Bäumen gesäumten Straßen der Stadt. Auf der anderen Seite der Meerenge lag Mare Island mit seinen schwarzen Lastkränen, den Piers, Kriegsschiffen und Lagerhäusern.
Im...
Auszug aus Zodiac. Auf der Spur eines Serienkillers von Robert Graysmith, Norbert Jackober. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nach Jack the Ripper und vor Son of Sam Ende der Siebzigerjahre gab es nur einen, der ebenso viel Schrecken verbreitete - den brutalen, geheimnisumwitterten Zodiac, der nie gefasst werden konnte. Seit 1968 suchte der Serienmörder die Stadt San Francisco und die Bay Area heim. In den provozierenden Briefen, die er an verschiedene Zeitungen schickte, versteckte er Hinweise auf seine Identität, die er jedoch mit ausgeklügelten Chiffren verschlüsselte, die nicht einmal die erfahrensten Experten von CIA, FBI und NSA zu knacken vermochten. Ich war damals Karikaturist der größten Zeitung in Nordkalifornien, des San Francisco Chronicle, und bekam so von Anfang an mit, wie die rätselhaften Briefe, die Geheimtexte und sogar blutverschmierte Kleidungsstücke der Opfer in der Redaktion eintrafen. Zuerst war ich zugegebenermaßen fasziniert von der Symbolik, die der Zodiac verwendete. Nach und nach wuchs in mir jedoch der Drang, die Hinweise des Mörders zu enträtseln und ihn zu entlarven. Und falls mir das nicht gelingen sollte, so wollte ich zumindest so viele Teile des Puzzles wie nur möglich zusammenfügen, damit eines Tages jemand den Serienmörder enttarnen könnte. Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wurde mir klar, dass ich vor zwei großen Problemen stand: Zum einen würde es nicht leicht werden, die verschiedenen Verdächtigen und die wenigen überlebenden Opfer ausfindig zu machen, denn viele der Zeugen scheuten sich, bei der Aufklärung mitzuhelfen. Um die fehlenden Fakten zu finden, war ich jedoch auf die Aussagen der fehlenden Zeugen angewiesen. Eine Zeugin hatte nicht weniger als sechsmal ihren Namen geändert, um unerkannt zu bleiben. Eine andere Frau, die dem Zodiac-Killer entwischt war, hatte ebenfalls im Laufe der Zeit verschiedene Namen angenommen. Ich fand sie schließlich durch den Poststempel auf einer Weihnachtskarte. Das zweite große Problem, mit dem ich mich konfrontiert sah, war die Tatsache, dass die Morde in verschiedenen Bezirken verübt worden waren. Das stark ausgeprägte Konkurrenzdenken bewog viele der zuständigen Polizeidienststellen, Informationen für sich zu behalten, die den Kollegen in anderen Bezirken fehlten. Nachdem ich mir in mühsamer Kleinarbeit ein Dokument nach dem anderen verschafft hatte - oftmals kurz bevor es vernichtet wurde, setzte ich alle Hinweise zusammen, um so ein erstes umfassendes Bild des Zodiac-Killers zu bekommen. Nachdem ich mich bereits einige Jahre mit dem Fall beschäftigt hatte, fand ich im Jahr 1975 heraus, dass wohl mehr Morde auf das Konto des Zodiac gingen, als man zunächst angenommen hatte. Außerdem hatte offenbar eines der frühen Opfer des Killers möglicherweise den Namen des Täters gekannt. Die Frau wurde jedoch ermordet, als sie sich gerade an die Polizei wenden wollte, um die wahre Identität des Mörders preiszugeben. Gegen einen derart zwanghaft agierenden und scheinbar wahllos tötenden Mörder gibt es keinen echten Schutz. Verbrecher dieses Typs sind unersättlich in ihrer Mordlust, und gerade Kalifornien scheint besonders oft von Serienmördern heimgesucht zu werden (nur in New York haben noch mehr davon ihr Unwesen getrieben). Mehrfachmorde stellen ein relativ neues Phänomen dar - doch mittlerweile fallen, so das Justizministerium, jedes Jahr zwischen 500 und 1 500 Amerikanerinnen und Amerikaner einem solchen Killer zum Opfer. Die Zodiac-Morde zeichnen sich durch ein ganz bestimmtes Charakteristikum aus; sie hatten eine eindeutige sexuelle Komponente, das bedeutet, der Mörder degradierte seine Opfer zu bloßen Objekten, die ihm sexuelle Lust verschafften, indem er sie auf brutale Weise misshandelte und tötete. Die Jagd auf das Opfer war sozusagen das Vorspiel, und das Zuschlagen war ein Ersatz für den sexuellen Akt. Als Sadist empfand Zodiac sexuelle Lust, wenn er sein Opfer quälen und schließlich töten konnte. Brutale Gewalt und Liebe waren in seinem Gehirn von Anfang an hoffnungslos miteinander verwoben. Sadisten und Serienmörder sind oftmals sehr intelligent und deshalb nur schwer zu fassen. Das Katz-und-Maus-Spiel, das sie mit der Polizei treiben, kann in manchen Fällen sogar zum Hauptmotiv für ihre Verbrechen werden. Wenn solche Killer gefasst werden, legen sie zumeist ein umfassendes Geständnis ab, dessen grausige Details fast so schaurig sind wie die Taten selbst. Niemand weiß genau, wodurch jemand zum gewalttätigen Sadisten wird; Fachleute gehen davon aus, dass entweder ein beschädigtes Sex-Chromosom oder ein Ereignis in der frühen Kindheit der Auslöser sein könnte. Wenn jemand in jungen Jahren Grausamkeit und Ablehnung von seinen Bezugspersonen erfährt, kann das dazu führen, dass der Betreffende zum Bettnässer oder Ladendieb wird; es kann aber auch sein, dass er anfängt, Tiere zu quälen und zu verstümmeln. In der Pubertät kann sich die aufgestaute Wut in immer drastischeren und gut verborgenen sadistischen Akten ausdrücken. Wenn man die Geschichte rund um den Zodiac-Killer mit einem Wort charakterisieren müsste, so wäre dieses Wort Besessenheit. Im Laufe der Zeit hat der Fall dazu geführt, dass Ehen in die Brüche gingen, berufliche Laufbahnen zerstört wurden und Menschen nachhaltigen gesundheitlichen Schaden nahmen. Mehr als 2500 Verdächtige wurden überprüft, während das Rätsel rund um den Serienkiller immer mehr Menschen in seinen Bann zog und für viele von ihnen eine schwere Belastung darstellte. Ich wollte mit diesem Buch erreichen, dass der tragische Lauf der Dinge gestoppt und der Mörder gefasst werden könnte. Nach und nach gelang es mir, den Sinn hinter den Symbolen in seinen Briefen zu erkennen, und ich lernte zu verstehen, wie der Mann seine verschlüsselten Texte verfasst hatte, warum er diesen oder jenen Mord verübt hatte und sogar, woher er sein charakteristisches Symbol, das Kreuz im Kreis, hatte. Dies ist die wahre Geschichte der Jagd auf einen Serienkiller, die im Jahr 1968 begonnen hat und deren Ziel bis heute nicht erreicht wurde. Ich lege in diesem Buch hunderte von Fakten vor, die bisher noch nie veröffentlicht wurden. Es ist ein Bericht, dem acht Jahre Recherchieren zugrunde liegen. In all den Jahren hat die Polizei oder die Presse immer nur einzelne Passagen der Briefe des Mörders veröffentlicht. In diesem Buch lege ich erstmals jedes einzelne Wort öffentlich vor, das der Zodiac-Killer an die Polizei geschrieben hat. In einigen wenigen Fällen war es notwendig, die Nachnamen von Zeugen wegzulassen, die der Polizei bekannt sind. Ich habe die Namen von einigen der Hauptverdächtigen ebenso geändert wie verschiedene Details bezüglich ihres Berufslebens, ihrer Ausbildung und der Wohnorte. In den Fällen, wo Änderungen notwendig waren, habe ich das im Buch angemerkt. In dem Kapitel über Andrew Todd Walker habe ich bestimmte Dialogpassagen eingefügt, die vielleicht nicht wörtlich, aber durchaus sinngemäß so stattgefunden haben dürften. Diese Geschichte handelt unter anderem auch von Zauberei, Todesdrohungen und Geheimtexten, sie handelt von einem Serienkiller, der nie gefasst wurde, von einem geheimnisvollen Mann in einem weißen Chevy, der von vielen gesehen wurde, aber den niemand zu kennen schien. All das gehört zum Rätsel rund um den Zodiac-Killer - der beängstigendsten Geschichte, die mir je zu Ohren gekommen ist. Robert Graysmith San Francisco Mai 1985 Karte mit den Tatorten von Zodiacs Opfern im nördlichen Kalifonien. Karte von R. Graysmith
1 David Faraday und Betty Lou Jensen Freitag, 20. Dezember 1968
Wenn er durch die hügelige Landschaft oberhalb von Vallejo wanderte, konnte David Faraday immer wieder einen Blick auf die Golden Gate Bridge erhaschen. Außerdem sah er die Fischer, die Segel- und Rennboote in der San Pablo Bay und die breiten, mit Bäumen gesäumten Straßen der Stadt. Auf der anderen Seite der Meerenge lag Mare Island mit seinen schwarzen Lastkränen, den Piers, Kriegsschiffen und Lagerhäusern. Im Zweiten Weltkrieg waren tausende in die Gegend geströmt, um für die Navy zu arbeiten, sodass Vallejo sich zu einer blühenden Stadt entwickelte. Einfache Quartiere wurden in Leichtbauweise hochgezogen, die eigentlich nur als provisorische Behausungen gedacht waren. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren waren sie zu schwarzen Ghettos geworden, die zum Ausgangspunkt von Rassenhass und Bandenkriminalität wurden, welche dann selbst vor den Highschools nicht Halt machte. Der siebzehn Jahre alte David Arthur Faraday, der die Vallejo High School besuchte, war nicht nur ein ausgezeichneter Schüler, sondern auch einer der besten Sportler seines Jahrgangs. Ende des Jahres 1968 hatte David ein hübsches sechzehnjähriges Mädchen namens Betty Lou Jensen kennen gelernt, das am anderen Ende der Stadt lebte. Seither hatte er sie fast täglich besucht. An diesem Tag plauderten David und Betty Lou um fünf Uhr nachmittags mit Freunden in der Annette Street, um ein Treffen für den Abend zu vereinbaren. Es war das erste Mal, dass sie gemeinsam ausgehen würden. David brachte seine Schwester Debbie um 19.10 Uhr zu einem Treffen der Rainbow Girls im Pythian Castle am Sonoma Boulevard. Er erzählte Debbie, dass er und Betty Lou vielleicht später noch in die Lake Herman Road fahren würden, um sich dort mit Freunden zu treffen. Anschließend fuhr David nach Hause zu seinen Eltern, die am Sereno Drive in einem grünen Haus mit braunem Schindeldach lebten, das von einer sorgfältig geschnittenen Hecke und zwei großen runden Büschen umgeben war. Um 19.20 Uhr zog sich David um; für den heutigen Abend suchte er ein hellblaues, langärmeliges Hemd, eine braune Cordhose, schwarze Socken und braune Wildlederschuhe aus. Er legte seine Timex-Armbanduhr an und steckte in die rechte vordere Hosentasche sein Kleingeld in Höhe von einem Dollar und fünfundfünfzig Cent ein. In eine andere Tasche steckte er ein weißes Taschentuch und ein kleines Fläschchen Binaca-Atembonbons. Am Mittelfinger der linken Hand trug er seinen Highschool-Ring mit dem roten Stein. Er kämmte sein kurz geschnittenes braunes Haar schräg über die Stirn, unter der seine großen Augen mit einem intelligenten Ausdruck hervorleuchteten, und schlüpfte zuletzt in sein beigefarbenes Sportsakko. David verabschiedete sich von seinen Eltern und verließ um 19.30 Uhr das Haus. Er atmete die kalte Abendluft ein (es hatte minus sechs Grad) und stieg in den braunund beigefarbenen Rambler-Kombi ein, der auf seine Mutter zugelassen war. Er fuhr den Wagen rückwärts die Zufahrt hinunter und bog auf dem Fairgrounds Drive zum Interstate Highway 80 ein, wo er schon nach zwei Kilometern die Ausfahrt Georgia Street nahm. Danach bog er nach rechts in die Hazelwood Street ein und fuhr bis 123 Ridgewood, einem niedrigen Haus, das von Efeu und schlanken hohen Bäumen umgeben war. Es war Punkt acht Uhr, als David vor dem Haus anhielt. Betty Lou Jensen war ein fleißiges ernsthaftes Mädchen, das einen guten Ruf genoss. Ihre Eltern nahmen an, dass sie an diesem Abend mit David ein Weihnachtskonzert in ihrer Schule, der Hogan High School, besuchen wollte, die nur einige Straßen entfernt war. Betty Lou blickte noch einmal kurz in den Spiegel und rückte das bunte Band zurecht, das sie im Haar trug. Ihr hübsches Gesicht wurde von dem langen braunen Haar umrahmt, das bis auf ihre Schultern fiel. Sie trug ein violettes Minikleid mit weißen Ärmelbündchen und weißem Kragen, das ihre dunklen Augen mit dem geheimnisvollen Ausdruck betonte und schwarze Riemchenschuhe. Betty Lou blickte etwas nervös zum Fenster hinüber, um sich zu vergewissern, dass die Jalousien heruntergelassen waren. Sie hatte gegenüber ihrer Schwester Melody schön mehrmals den Verdacht geäußert, dass ihr ein Junge aus der Schule nachspionierte - und tatsächlich hatte Mrs. Jensen das Gartentor an der Seite des Hauses schon mehrmals offen vorgefunden. Die Frage war, ob ihr wirklich ein Junge aus der Schule oder jemand anders nachspionierte. Während David auf Betty Lou wartete, unterhielt er sich mit ihrem Vater Verne. Ihre Eltern stammten ursprünglich aus dem Mittelwesten, doch Betty Lou war ebenso wie Davids Mutter in Colorado zur Welt gekommen. Als Betty Lou schließlich auf den Flur herauskam, half ihr David in ihre weiße Pelzjacke. Mit der Handtasche in der Hand gab sie ihrem Vater einen Kuss zum Abschied und sagte ihm, dass sie nach dem Konzert noch eine Party besuchen würden. Sie versprach, um spätestens elf Uhr zu Hause zu sein, ehe die beiden schließlich um 20.20 Uhr aufbrachen. Doch anstatt das Konzert zu besuchen, fuhren die beiden jungen Leute zu Sharon, einer Mitschülerin von Betty Lou, die in der Nähe der Schule wohnte. Um 21 Uhr begleitete Sharon sie wieder zum Wagen hinaus. Die beiden sagten nicht, wo sie als Nächstes hinfahren wollten. Ungefähr zur gleichen Zeit fiel zwei Waschbärenjägern, die ihren roten Pick-up gerade auf dem Gelände der Marshall-Ranch geparkt hatten, an der Lake Herman Road, ein paar Meilen östlich der Stadtgrenze von Vallejo, ein weißer viertüriger Chevrolet Impala auf, der vor der Water Pumping Station von Benicia stand. In diesem Moment fuhr außerdem ein Lastwagen vom Gelände des Wasserhebewerks auf die leere Straße auf. Um 21.30 Uhr ereignete sich an dieser Stelle ein ungewöhnlicher Vorfall. Ein Junge und seine Freundin hatten den Sportwagen des Mädchens in einer Kurve abgestellt, damit er eine Einstellung am Motor verändern konnte. Die beiden sahen einen Wagen, möglicherweise einen blauen Valiant, der von Benicia nach Vallejo unterwegs war. Als das Auto vorbeifuhr, wurde es plötzlich langsamer und blieb schließlich einige Meter weiter mitten auf der Straße stehen. Die beiden jungen Leute sahen zu ihrem Erstaunen, wie der Wagen ganz langsam rückwärts auf sie zugefahren kam. Es ging etwas dermaßen Bedrohliches von dem näher kommenden Fahrzeug aus, dass der Junge den Wagen seiner Freundin rasch startete und so schnell wie möglich davonbrauste. Der Valiant folgte ihnen. Als die beiden schließlich in Richtung Benicia abzweigten, fuhr der andere Wagen geradeaus weiter. Um 22 Uhr sah ein Schäfer namens Bingo Wesher östlich des Wasserhebewerks nach seinen Schafen, als ihm ein weißer Chevrolet Impala auffiel, der vor dem Tor der Pumpstation geparkt war. Er sah auch den Ford-Pick-up der beiden Waschbärenjäger. Nachdem Betty Lou und David im Mr. Ed's, einem Drive-in-Restaurant, eine Cola getrunken hatten, fuhren sie auf der Georgia Street zum Columbus Parkway. An der Stadtgrenze von Vallejo bog David auf die schmale kurvenreiche Lake Herman Road ab. Sie kamen an den Anlagen der SVAR Rock and Asphalt Paving Materials Company vorbei, deren Maschinen sich in den ockerfarbenen Berg gruben. Es gab hier Silberminen, und David hatte von zwei Männern gehört, die vorhatten, hier in der Gegend eine Quecksilbermine zu betreiben. Auf den ersten Kilometern der Straße fand man hier eine kleine Ranch nach der anderen. Am Tag grasten schwarz-weiß gefleckte Kühe auf den Wiesen des Hügellands - doch jetzt lag tiefe Nacht über dem Land, nur vom Scheinwerferlicht des Rambler-Kombis durchdrungen. David und Betty Lou fuhren nach Osten zu einem entlegenen Plätzchen, das häufig von Liebespaaren aufgesucht wurde. Die Polizei kam von Zeit zu Zeit hier vorbei, um die jungen Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es gefährlich sein konnte, an einem so abgelegenen Platz anzuhalten. Kurz nach 22 Uhr hielt David im Kiesbett fünf Meter neben der Straße mit Blickrichtung nach Süden an, in der Nähe des Maschendrahtzauns, der das Wasserhebewerk in der Lake Herman Road umgab. Er versperrte alle vier Türen, legte Betty Lous weiße Pelzjacke und Handtasche sowie sein Sportsakko auf den Rücksitz und schaltete die Wagenheizung ein. Es gab hier keine Laternen, und der freie Platz war von sanften Hügeln und Farmland umgeben. Liebespaare suchten den Ort auch deshalb gerne auf, weil man die Lichter von herannahenden Streifenwagen schon von weitem kommen sah, sodass man Bier oder Marihuana notfalls rechtzeitig verschwinden lassen konnte. Um 22.15 Uhr kamen eine Frau und ihr Freund, ein Matrose, vorbei. Als sie das Ende der Straße erreichten und eine Viertelstunde später zurückkamen, stand der Wagen immer noch da - doch er war nun nicht mehr nach Süden ausgerichtet, sondern zur Straße hin nach Südosten. Um 22.50 Uhr kam Mrs. Stella Borges auf ihrer Ranch in der Lake Herman Road an, knapp viereinhalb Kilometer von der Stelle entfernt, an der Betty Lou und David mit ihrem Wagen standen. Als Mrs. Borges das Haus betrat, klingelte das Telefon, und sie unterhielt sich eine Weile mit ihrer Mutter. Sie sprachen unter anderem darüber, dass Mrs. Borges ihren dreizehn Jahre alten Sohn etwas später von einer Veranstaltung abholen würde. Um 23 Uhr kamen Mrs. Peggie Your und ihr Ehemann Homer in ihrem goldfarbenen Siebenundsechziger-Grand-Prix in die Lake Herman Road, um nach den Kanal- und Wasserrohren zu sehen, die seine Firma gerade beim Pumpwerk installierte. Als sie an dem Rambler-Kombi vorbeikamen, sah Mrs. Your David auf dem Fahrersitz sitzen; das Mädchen saß an seine Schulter gelehnt neben ihm. Nachdem sie die Baustelle inspiziert hatten, fuhren die Yours weiter bis zum Fuße des Hügels, wo sie dann in Richtung Benicia abbogen. Sie sahen den roten Pick-up der Waschbärenjäger, der auf dem Gelände der Marshall Ranch geparkt war. Die beiden Jäger saßen mit Wollmützen und Jagdjacken bekleidet im Wagen. Die Yours machten schließlich kehrt und kamen wieder am Rambler vorbei; David und Betty Lou saßen immer noch genauso da wie vorher. Die Waschbärenjäger waren den Bach entlang zu ihrem Pick-up zurückgekehrt. Etwa fünf Minuten, nachdem sie den Wagen der Yours hatten ankommen sehen, brachen sie schließlich auf. Dabei fiel ihnen der Rambler auf, der allein beim Tor des Pumpwerks geparkt war und der nun zum Tor hin ausgerichtet war. Als sich ein weiterer Wagen näherte und die beiden Jäger mit seinen Scheinwerfern erfasste, hielten sich Betty Lou und David wahrscheinlich gerade in den Armen. Anstatt weiterzufahren, verließ dieses Auto die Straße und hielt etwa drei Meter rechts von dem Kombi an.