Erster Satz:
Sie stand manchmal mitten in der Nacht auf, schlüpfte aus ihrem Zelt und schlich durch den Zirkus.
Meine Meinung:
Mit "Zitronen im Mondschein" hat Gina Mayer einen faszinierenden zeitgeschichtlichen Roman geschaffen, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Das liegt zum einen an den wunderbaren Figuren und zum anderen an der bittersüßen Geschichte, durch die dem Leser eine Zeit voller Drama und Tragik näher gebracht wird.
Die Handlung erstreckt sich über drei Jahrzehnte, genauer gesagt vom Jahre 1904 bis in die späten Zwanziger Jahre. Sie spielt also nicht, wie im Klappentext behauptet wird, ausschließlich in den Zwanzigern. Erzählt wird die Geschichte aus drei Perspektiven.
Da ist zum einen Maria, die als junges Mädchen von zu Hause fortläuft, und als Wahrsagerin bei einem Zirkus ein neues Auskommen findet. Hier verliebt sie sich auch zum ersten Mal in ihrem Leben. Er ist ein begabter Maler und aufgrund einer Erscheinung, die sie hatte, ist sie davon überzeugt, dass sie ihm den Tod bringen wird. Also verlässt sie ihn. Im Chaos des folgenden Ersten Weltkrieges verliert sie auch noch ihre Tochter Mira aus den Augen, die sie erst Jahre später wiederfindet. Aufgrund der Erfahrungen, die beide Frauen machen mussten, über die sie jedoch nicht miteinander sprechen können, sind sie einander fremd geworden und vollständig gefangen in ihrem Konflikt.
Zum anderen Ludwig, der glaubt, alles verloren zu haben, für das es sich zu leben lohnt, und sich in seiner Verzweiflung freiwillig an die Front meldet. In Chaos, Blut und Tod versucht er alles, um am Leben bleiben und gleichzeitig seine Menschlichkeit nicht zu verlieren. Trotzdem kehrt er schwer gezeichnet aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Erst Jahre später erfüllt sich sein Schicksal, das ihm von Anfang an zugedacht war.
Und da ist noch Mira. Auch sie hat Narben aus dem Krieg davon getragen, hat sie doch Teile ihres Selbst von sich abtrennen müssen, um zu überleben. Hat unter fremden Menschen leben müssen, da sie von ihrer Mutter getrennt wurde. Als junge Frau ist sie verbittert und glaubt schon lange nicht mehr an die Liebe. Dennoch geht sie eine Beziehung zu einem Stummfilmpianisten ein, der sie mit der Idee des Kommunismus infiziert. Beseelt von dem Gedanken, die Welt zu verändern und damit zu retten, merkt sie nicht, wie eben diese Welt unaufhaltsam auf erneutes Leid und Elend zusteuert und schon nicht mehr zu retten ist.
Die drei Figuren sind miteinander verbunden, zu Anfang durch Fäden, die sind zum Teil spinnwebartig, dass es kaum auffällt, zum anderen bereits klar und deutlich verwoben. Doch im Laufe der Geschichte verküpft sich alles zu einem vollständigen Netz, um am Ende zu enthüllen, wie sehr jeder in seiner ganz eigenen persönlichen Tragödie mit dem anderen verknüpft ist.
Die Geschichte lebt von diesen Figuren, ihren Gefühlen, ihrer Authentizität, ihren glaubhaften Handlungen. Und manchmal hätte ich sie schütteln mögen, ob ihrer Blindheit gegenüber Tatsachen, die mir als Leser so offensichtlich erschienen. Trotzdem sind sie in ihren Handlungen allzu menschlich. Denn wie oft sind wir selbst mit anderen Menschen in solchen Konflikten verknüpft, treffen falsche Entscheidungen zur falschen Zeit, möchten über unseren Schatten springen, und können es doch nicht.
All diese zutiefst menschlichen Schicksale verwebt Gina Mayer zu einer Geschichte, und über allem schweben die Schrecknisse des Ersten Weltkrieges, ebenso wie die Gefahr eines erneut bevorstehenden Krieges. Hinzu kommen große Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Gewalt, die sich immer wieder Bahn bricht, vor allem zwischen den Kommunisten und Nationalsozialisten.
Dazu kommt Gina Mayers außergewöhnlich schöner Schreibstil, der gut verständlich ist, ohne jedoch einfach gestrickt zu sein. Sie benutzt eine klingende, anspruchsvolle Sprache, verliert sich dabei aber nicht in anstrengenden Schachtelsätzen, was dem Lesevergnügen sehr förderlich ist. Insgesamt liest sich die Geschichte wirklich flott weg. Und obwohl die Erzählweise eher ruhig ist, ist das Buch durchgehend spannend zu lesen, was vor eben vor allem an den Figuren liegt, deren Schicksalsweg ich unbedingt erfahren musste.
Fazit:
Ein Roman, der mir berührt hat und noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Er erzählt von menschlichen Schicksalen, falschen Entscheidungen und Konflikten, die nicht gelöst werden, und somit das Miteinander vergiften. Zudem lässt er eine Zeit lebendig werden, die geprägt war von großem Leid, innerer Zerrissenheit und Gewalt. Für mich ein absolut lesenswertes Stück Zeitgeschichte!