Klappentext
Mit dem Chor der Zisterzienserstiftskirche Lilienfeld und mit der Pfalzkapelle von Klosterneuburg tritt Leopold 4. (1176 - 1230) Herzog von Österreich und Steier, als Auftraggeber von zwei architekturgeschichtlich außergewöhnlichen Bauten in Erscheinung. In Lilienfeld, das der Herzog zu seiner Grablege wählte, wurde innerhalb des etablierten zisterziensischen Rechteckumgangschors ein polygonal gebrochener Binnenchor errichtet. In der Klosterneuburger Pfalzkapelle rezitiert Leopold 4. zu einem für einen Reichsfürsten außergewöhnlichen frühen Zeitpunkt die Baukunst der französischen Gotik. Beide Bauaufgaben, Hauskloster und Herrschersitz, sind im späten 12. Jahrhundert gerade in ihrem Zusammentreffen typisch für den Hochadel im Reich und lassen sich mit begrifflichen Parallelismus Architektur der Memorial und Architektur der weltlichen Repräsentation prägnant fassen.Die Autorin untersucht den Lilienfelder Chor und die Klosterneuburger Kapelle auf deren Struktur und Konzeption hin und ordnet sie typengeschichtlich ein. Es stellt sich dabei heraus, daß jeweils nicht ein einzelner Bautyp verwirklicht wurde, sondern daß verschiedene Bau- und Raumtypen ineinandergreifen. Die großen Zisterzienserkirchen Deutschlands und Frankreichs aus der Zeit um 1200 sind hier ebenso von Bedeutung wie der Magdeburger Domchor und Nôtre - Dame in Paris. Die verschiedenen Typen von Herrschaftskapellen und Herrschersitzen in Deutschland und in Frankreich werden anhand der Capella spezioso behandelt, deren archtitektonische Nachfolge bis Nordböhmen führt. Das gleichzeitige Auftreten der frühen Gotikrezeption im Reich und die Ausbreitung des Zisterzienserordens sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zentrale Themen der mittelalterlichen Architektur- und Kunstgeschichte. Zu der heute nach wie vor geläufigen Anschauung der Zisterzienser als den Missionaren der Gotik nimmt die Autorin ebenso Stellung wie zu dem Dreistufenmodell der gotischen Rezeption, das Georg Dehio zu Beginn unseres Jahrhunderts entwickelt hat. Durch das Zusammenführen von Sakral- und Profanbau unter einer landesgeschichtlichen und auftragsbezogenen Fragestellung kann ein alternatives Erklärungsmodell zu diesem Thema angeboten werden.