|
|
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Topologie einer Fuchsjagd, 16. Juli 2007
Jáchym Topol, geboren 1962, gilt in Tschechien gemeinhin als der bedeutendste Vertreter seiner Schriftstellergeneration. Der Sohn des Dramatikers Josef Topol hatte sich bereits in jungen Jahren im sog. Underground einen Namen gemacht, wo er, einer der jüngsten Unterzeichner der Charta 77 und folglich mit den üblichen Repressalien belegt, sich etwa durch die Herausgabe der alternativen Zeitschrift Revolver Revue oder das Verfassen von Protestsongs hervortat. Nach der Wende begann er sich als Erzähler zu profilieren, was in seinen wüsten Debutromanen Engel EXIT (1997) und Die Schwester (1998) nachhaltigen Niederschlag fand und ihn in der tschechischen literarischen Szene zum Kultautor und bald auch international zum Aushängeschild junger tschechischer Literatur avancieren ließ. Der Suhrkamp Verlag hat nun mit dem Roman Zirkuszone nach Nachtarbeit (2003) die 4. auf Deutsch erschienene Arbeit Jáchym Topols vorgelegt.
Ähnlich wie in Nachtarbeit bilden auch für Zirkuszone die Ereignisse um das Jahr 1968 in der damaligen Tschechoslowakei den zeitgeschichtlich historischen Hintergrund. Dass die Erzählung deshalb aber im Stile Vieweghscher Hundejahre in allzu flaches Fahrwasser geraten könnte, scheint bei Topol von vorne herein ausgeschlossen, wie überhaupt jegliches Epigonale, geschweige denn Triviale, dem jungen Wilden, Formanarchisten und stilistischen Revolutionär abhold sein sollte.
Doch gerade in dieser Hinsicht löst die Erzählung zunächst Iritationen aus. Die Waisenhausatmosphäre, in der der Ich-Erzähler seine tristen Kindheitsjahre fristet, erinnert stark an Agota Kristofs Neo-Naturalismus, wenngleich Topol die Schilderung der emotionalen und sozialen Verwahrlosung der Zöglinge fraglos überzeugend gelingt. Der Teufelskreis gesellschaftlichen Elends und menschlicher Verrohungsmechanismen wurde in der Literatur nun aber doch schon hinlänglich thematisiert, angefangen bei Emile Zola bis hin zu erwähnter Agota Kristof.
So nimmt man dankbar zur Kenntnis, dass Topols Eöffnungskapitel offensichtlich nur als Zitat oder literarische Reminiszenz verstanden werden will, der noch anderes folgen soll. Die bigotten Klosterschwestern samt ihren rabiaten Erziehungsmethoden (Teerwasser gurgeln!) werden schon bald, der Leser wähnt sich im Jahre 1948, ihrer Erziehungsaufgaben enthoben und durch nicht minder fragwürdiges Personal ersetzt, kommunistische Veteranen aus dem 1. Weltkrieg, die dem Waisenhaus jeglichen religiösen Muff austreiben und dafür frischen ideologischen Wind machen, in Form paramilitärischer Ausbildungseinheiten, denen sich die Schutzbefohlenen mit wachsendem Enthusiasmus unterziehen. Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott lässt hier grüßen und ein weiteres Déjà-lu scheint dem vermeintlich so wilden und originären Topol nachgewiesen.
Erst nachdem diese nicht ganz unerhebliche Lesestrecke bereits absolviert ist, und man sich unversehens im Jahre 1968 wiederfindet, wird klar, dass der Titel des Romans nicht nur "Teerwasser gurgeln" (tschechisches Original) oder "Zirkuszone" sondern auch "Fuchsjagd" heißen könnte. Topols Spiel mit falschen Fährten ist nämlich nahezu programmatisch, genau wie seine hinterlistige Art getarnte Klischees aufzugreifen um sie irgendwann später klammheimlich im Sande verlaufen zu lassen: Aha, ein moderner Simplizissimus freilich, das tschechische Trauma vom nie geführten Krieg was wäre eigentlich aus dem Prager Frühling geworden, wenn...
Alles schillernde Seifenblasen, illusionistisches Geplänkel, das Topol nur als Staffage für seine literarische Zirkuswelt dient. Eine Welt, die bevölkert ist von Dresseuren und Dressierten, Raubtieren und Dompteuren, aberwitzigen Kaskadeuren und lächerlichen Clowns, Tänzerinnen und Gnomen. Zirkuszone ist für Topol nicht nur die vordergründige wenngleich brillante Groteske einer verzweifelten russischen Suche nach einem ostdeutschen Wanderzirkus, wie der Leser auf der zweiten Lesestrecke erfährt, sie ist vielmehr der wahre Rahmen, der die zunehmend abstruseren Handlungselemente fasst. Sie fungiert als Manege für eine Welt, in der der Schein über das Sein und Vordergründiges über Hintergründigem steht. Sie mutiert zum Sinnbild einer menschlichen Sphäre, der jeglicher Sinn abhanden gekommen ist, in der Kreisbewegungen dominieren, Stereotypen, Abgeschmacktheiten. Aber sie erweist sich auch als Zone des Spiels, Topols literarischen Spiels mit den Versatzstücken einer absurden Realität, die den Schriftsteller längst nicht mehr in Erklärungsnot als vielmehr in Spiel- und Erzähllaune bringt.
Topols Zirkuszone ist deshalb ein im besten Sinne moderner Text, eine durchaus originelle Spielart absurder Erzählformen. Der Roman sei fortgeschrittenen Lesern empfohlen und solchen, die auf der Suche nach moderner tschechischer Literatur jenseits Vieweghscher Bestsellerromane sind.
|