Wem manch andere "Irvings" zu turbulent sind, der sollte sich an "Zirkuskind" heranwagen. Obwohl mehrere Handlungsstränge ineinander verwoben sind und der Leser zahlreiche Orts- und Zeitsprünge mitmacht, ist es Irving gelungen, eine runde, klare Geschichte zu erzählen, die sich zu keinem Zeitpunkt selbst zu überholen scheint und den Orientierungssinn überfordert. Das gelingt vor allem dadurch, dass die Hauptfigur, der indischstämmige Chirurg Dr. Daruwalla, zwischendurch immer wieder ein wenig über das Leben im Allgemeinen und seine Suche nach einem Ort, an dem er sich "zu Hause" fühlt, im Besonderen nachdenkt und dem Leser damit die notwendigen Ruhepausen verschafft, um die Handlung zu verarbeiten. Humor und Melancholie wechseln sich nicht ab, es gelingt Irving, beides absolut parallel laufen zu lassen. Dafür steht der Zirkus, der durch die Clowns lustig ist und andererseits traurig wie das Los des Akrobaten, der das Netz verfehlt hat. Und genau so ist - so der Tenor des Romans - eben auch das richtige Leben.
Das chaotische Leben in Bombay, dem Haupthandlungsort, mit seinen zahlreichen Bevölkerungsgruppen, die sich stets wegen irgendwelcher Zwischenfälle auf den Schlips getreten fühlen, ein getrenntes Zwillingspaar, ein Serienmörder, diverse Zwerge, ein höchst ungewöhnlicher Filmstar und eine Handvoll Transvestiten sorgen dafür, dass die Spannung keinen Augenblick unterbrochen wird und dass man am Ende direkt noch einmal alles von vorn lesen möchte.