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Der ganz normale realsozialistische Wahnsinn, 15. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Zirkus Sardam. Vorstellung in zwei Akten (Taschenbuch)
Er sitzt nur hier, der Clown Vertunov. Sagt er jedenfalls. Er sitzt und spricht ein wenig. Und das stört, denn er bietet dem Puppenzirkusdirektor enthusiastisch seine Dienste an. Schließlich hat er ihn schon über vier Wochen lang gesucht: "Was Sie mir befehlen, das werde ich machen." (Wir schreiben das Jahr 1935 in der Sowjetunion, und ein Daniil Charms denkt sich was, wenn er sowas schreibt; sogar noch, wenn er sich als Autor fürs Kindertheater durchschlägt.)
Vertunov kann zwar eigentlich nichts, aber er hat so manches im Angebot und kann es auch vorführen: Fliegen, bellen wie ein Hund, grunzen wie ein Schwein, wiehern...
Eines aber kann Vertunov perfekt, und das wird dem Zirkusdirektor zu seinem Leidwesen immer klarer: Er kann die Vorstellung in ein perfektes Chaos stürzen und Zirkusdirektoren mit unerschütterlicher Geduld in den Wahnsinn treiben. Dazu muss er gar nichts tun... und das kann er wirklich richtig gut.
Eine ganz normale Vorstellung, der ganz normale Zirkus (was immer Charms damit gemeint haben kann; siehe oben). Charms treibt seinen Schabernack mit allem, was nicht zu greifen ist. Der Direktor kündigt die Meisterdompteuse an: "Mathilda Huu-is-huu. Wunder..." ...der Direktor niest, Vertunov wünscht artig "Gesundheit", der Dialog entgleist, die Magie ist im Eimer. Nicht zu vergessen der philippinische Jongleur mit seinem schwindelerregenden Namen bei der anschließenden Nummer. Charms legt mit jedem Gong noch ein Brikett drauf und lässt den absurden Humor dem Abgrund entgegenrasen. Beliebt gemacht hat er sich damit freilich nicht bei der real existierenden Nomenklatura.
Hier tobt sich die ganz normale Absurdität aus, inclusive liebgewonnener SozReal-Parolen, die schonmal ganz nach Art des Odysseus-Polyphem-Dialogs auseinandergenommen werden, dass einem schwindlig wird. Ganz unschuldig natürlich: Niemand kann so kunstvoll reiten wie der Kunstreiter, denn schließlich kann sich ja auch niemand in der Streichholzschachtel verstecken. Des Direktors Logik geht baden, das zunächst noch nur logische Wasser wird von Zirkusnummer zu Zirkusnummer tiefer, des Direktors Verzweiflung ebenso, das Chaos schaltet den Turbo zu. Vertunov schaltet sich arglos in jede Zirkusnummer ein, stört ein klein wenig... Auftritt der Kraftmensch. Ende des ersten Aktes. Happy End zur Pause?
"Vertunov ist weg, und niemand wird uns stören" -- spricht der mit sich und der Welt zufriedene Direktor zu Beginn des zweiten Aktes. Eine Sensation hat er anzukündigen: Ein dressierter Haifisch im Aquarium, Akrobaten im Taucheranzug! Und wehe, das Aquarium zerspringt. Aber, wie gesagt, Vertunov ist weg. Was soll also passie... -- Vertunov, aus der Erde kriechend, heiser: "Erlauben Sie mir, aufzutreten." Ja, und was jetzt losgeht, was Charms jetzt an Absurdem und Grotesken feuert, wie perfide eng sich jetzt ein groteskes Universum dem absurden Alltag anschmiegt, wie man es sich durchgedrehter nimmer vorstellen kann bzw. kurz zuvor noch nicht hätte vorstellen können... "Beruhigen Sie sich. Wir sind einfach ertrunken." Das ganze Ensemble des ersten Aktes schwimmt konsterniert herum und macht dabei einen höchst lebendigen Eindruck, der Haifisch im Käfig ist sehr gehorsam, "gestern sie hat gefressen Fahrrad, zwei Klavier, wan Kopfkissen, tuu Kaffeemühlen und vier dicke Bücher". Aufregung herrscht, denn der Haifisch ist weggelaufen; Chaos auf der Bühne. Man beteuert, nicht gesalzen zu sein und deswegen nicht zu schmecken, wohingegen der Kollege...
Und dann gibt's eine höchst naheliegende Lösung des ärgerlichen Zwischenfalles. Die Unterwasserpantomime muss "leider" ausfallen, wie man sich bereits gedacht haben wird. Dafür gibt's ein Finale, wie sich's für echte aufbauwillige Bürger gehört, die "Clown, Kämpfer, Akrobat, Sänger und Tänzer in einem sein" wollen.
Dabei findet man im Anhang, in einer der Textvarianten, unter anderem eine weitere Szene des zweiten Aktes, die noch deutlicher macht, warum das ganze Zirkus-Ensemble so unsterblich ist: Schließlich haben wir's mit einem Marionetten-Ensemble zu tun, und die haben bekanntlich alle -- genau: Holzköpfe!
Wundert sich jetzt noch einer, warum das Stück jahrzehntelang noch verschollener war als Charms' andere Werke, und warum Peter Urban, seines Zeichens engagierter deutscher Übersetzer, es zufällig fand, gut versteckt in einem Band "Literatur für Kinder"?
Apropos: "Anhang" und "Textvarianten": Wie immer bei der "Friedenauer Presse" so auch hier: Die Anschaffung dieser "Vorstellung in zwei Akten" empfiehlt sich sogar für Analphabeten, denn die Ausgabe ist ganz einfach ein kleines schmales Juwel für Bibliophile. Gilt sinngemäß auch für alle, die Wert legen auf sorgfältige Editionen und Übersetzungen.
So kurz jedenfalls dieser Zweiakter, so lang der Spaß beim Lesen. Und vermutlich auch so hoch die Anforderungen ans pantomimische Können der Schauspieler bei einer Aufführung. Aber auch das könnte sich lohnen. Das Lesen jedenfalls hat sich gelohnt.
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