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Zirkus Bulgarien: Geschichten für eine Zigarettenlänge
 
 
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Zirkus Bulgarien: Geschichten für eine Zigarettenlänge [Gebundene Ausgabe]

Dejan Enev , Dimitré Dinev , Katrin Zemmrich , Norbert Randow
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Kürzesterzählungen des großartigen Skizzenmeisters der bulgarischen Literatur." (Die Welt, 24.02.2008)

Kurzbeschreibung

Ein Mann beobachtet täglich gegen Mitternacht, wie eine schöne junge Frau einem Taxi entsteigt und im Haus gegenüber verschwindet. Eines Abends läutet es bei ihm an der Tür, und die Frau seiner Träume steht vor ihm. Doch auch Träume haben ihren Preis ... Der Boxer Shoro heuert bei einem Geldprotz als Schuldeneintreiber an, doch einer seiner ersten Aufträge betrifft seinen eigenen Bruder ... Freundliche Hochstapler, verträumte Bettler und kampfbereite Omas bevölkern die wunderbar tragikomischen Kurzgeschichten des bulgarischen Schriftstellers Dejan Enev. Dimitré Dinev hat die Erzählungen für diesen Band zusammengestellt. Vorhang auf für den Zirkus Bulgarien!

Über den Autor

Dejan Enev, geboren 1960 in Sofia, studierte bulgarische Philologie an der Universität Sofia. Er arbeitete als Maler, als Nachtwächter, als Sanitäter, als Lehrer, als Texter in einer Werbeagentur und als Journalist. Derzeit ist er für das Kulturressort der Zeitung "Sega" tätig. In Bulgarien sind sieben Kurzgeschichtensammlungen erschienen, für die Enev zahlreiche Preise erhielt.

Auszug aus Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge von Dejan Enev, Kathrin Zemmrich, Norbert Randow. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Mann mit den blauen Augen

Das Café war leer, als der Mann hereinkam. Er setzte sich auf einen der hohen Hocker und suchte mit den Augen das Mädchen hinter der Bar.
»Einen Doppelten«, sagte er.
Sie füllte aufmerksam das Glas und stellte es vor ihm auf die Marmorplatte. Dann las sie weiter in ihrer Zeitschrift.
»Was liest du da?«, fragte der Mann.
»»O, so wie Labrador« von irgendeinem Franzosen.«
»Wie schön ich doch bin«, sagte der Mann, der sich in der Spiegelwand hinter dem Mädchen beobachtete. »Glatt zum Heiraten.«
Sie warf ihm einen Blick zu. Der Mann sah schrecklich aus mit dem Dreitagebart und Augen, die wie bei einem Schweißer rotgerändert waren.
»Unsinn«, sagte der Mann, »achte nicht auf mein Äußeres. Ich trinke einfach schon seit drei Tagen und schwatze drauflos, ohne zu überlegen. Trotzdem bin ich schön. Was für Augen. Und was für ein Lächeln!«
Der Mann grinste einen Augenblick wie ein Clown, aber dann wurde er ernst.
»He, schau dir den hinter dir doch mal an. Ist er nicht sympathisch?«
»Nicht mein Typ«, sagte das Mädchen und legte die Zeitschrift auf die Theke.
»Was ist denn dein Typ? Hör zu, du weißt einfach nicht, was dein Typ ist. Du bist zu jung. Du kennst zwei, drei, sieben, acht, fünfzehn, sechzehn Rotznasen mit rasierten Schläfen und blondierter Eselsmähne und glaubst, das sei das Höchste. Aber so ist es nicht. Dreh dich um und sieh dir den hinter dir an! Der ist die Wahrheit. Außerdem, wenn es darum geht - ich habe auch ein Motorrad. Ich bin auch ein Rocker!«
»Sie lügen.«
»Komm und sieh es dir an.«
Der Mann stand auf und trat aus dem Café. Das Mädchen kam hinter der Theke hervor und folgte ihm nach draußen.
Rechts auf dem Bürgersteig parkte wirklich ein schwarzes Motorrad, groß und glänzend.
»Nun, was sagst du? Ich lüge niemals, Kleine.«
Beide gingen fast gleichzeitig zurück ins Café.
Der Mann ließ sich erneut auf dem hohen Hocker nieder und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
»Du hast schöne Beine«, sagte er. »Hat dir das schon mal jemand gesagt?«
»Ja«, sagte das Mädchen und lachte. »Viele Male.«
»Ach, wie gemein. Da waren andere wieder schneller. Und dass du schöne Augen hast - hat dir das schon mal jemand gesagt?«
»Ja, schon oft.«
»Ich komme zu spät«, sagte der Mann und wiegte den Kopf hin und her. »Ich komme eben immer zu spät. Ich fahre mit meinem Motorrad herum, um den anderen zuvorzukommen, und wenn ich dann irgendwo hinkomme, stellt sich plötzlich heraus, dass ich schon wieder viel zu spät gekommen bin. Was soll ich tun? Gib mir einen Rat.«
»Bleiben Sie doch einfach auf einer Stelle. Es könnte doch geschehen, dass das Rennen genau dort zu Ende geht, wo Sie schon lange sind.«
»Du hast wahrscheinlich recht, weißt du. Ich werde jetzt die verdammten Reifen des Motorrades zerstechen. Und hierbleiben. Ich werde mich überhaupt nicht mehr rühren. Du sagst also, es besteht Hoffnung.«
»Versuchen Sie's.«
»Wart mal - etwas verstehe ich nicht. Wer entscheidet, ob man der Erste ist?«
»Es genügt, wenn Sie es irgendwann verstehen. Das spürt man.«
»Hast du bemerkt, dass ich blaue Augen habe?«
»Sie lügen.«
»Ich hab dir schon gesagt, dass ich niemals lüge. Schau nur genau hin.«
Der Mann riss seine Augen weit auf, und das Mädchen schaute hin.
»Es stimmt«, sagte sie. Sie sah sehr erstaunt aus. »Mir haben die Blauäugigen schon immer gefallen. Sie besitzen so eine verzweifelte Entschlossenheit.«
»Hör zu«, sagte der Mann und presste sein Glas so sehr, dass seine Finger ganz weiß wurden. »Warum kommst du nicht mit mir? Du schließt dieses dumme Café einfach zu, und wir steigen auf's Motorrad. Wir fahren erst mal eine ganze Strecke, aber das wird bestimmt lustig. Ich habe dir doch gesagt, dass ich niemals lüge. Dann halten wir an einer Stelle, wo es so schön ist, dass du glatt in Ohnmacht fällst. Und wenn du wieder zu dir kommst, bringe ich dich in ein Zimmer, in dem Gras wächst. Hast du so ein Zimmer schon einmal gesehen? Hast du nicht. Dann zeige ich dir das Zimmer, in dem du wohnen wirst. Es liegt genau gegenüber von meinem, auf der anderen Seite des Weges, und auch darin wächst Gras. Und dann werden wir uns gegenseitig besuchen. Na ja, wir haben kein Telefon, um uns am Ende »gute Nacht« zu wünschen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Und dann werde ich dich eines Tages zum lieben Gott führen. Der liebe Gott wohnt ganz oben auf dem Berg und hat sechs Hunde, so groß wie Bären, die ihn Tag und Nacht beschützen. Aber mich kennen sie, keine Angst also. Der ganze Garten vom lieben Gott steht voller Edelweiß. Er wird uns erlauben, dass jeder von uns beiden sich eines davon pflückt. Und Edelweiß, das ist dir ja bekannt, bringt Glück. So viel, dass es für dein ganzes Leben reicht. Warum schließt du dieses dumme Café nicht einfach zu und kommst mit mir?«
»Ich würde ja mitkommen«, sagte das Mädchen, »wenn du nicht ein so großer Lügner wärst. Ich kenne dich. Du wohnst in dem Aufgang gegenüber, hast Frau und zwei Kinder und arbeitest als Buchhalter, und in deiner Freizeit schweißt du Winkeleisen an Balkone. Das Motorrad ist auch nicht deins, es gehört meinem Freund, der gleich hier ist und mit mir zum Stausee fährt. Ich wäre mit dir gekommen, wenn du mir gesagt hättest, dass du Langeweile hast, dass deine Frau mit den Kindern aufs Land gefahren ist und du mindestens drei Tage lang keine Winkeleisen mehr schweißen willst. Ich wäre mitgekommen, weil ich die Blauäugigen mag. Ich hätte meinen Freund sausenlassen und wäre mitgekommen, wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest. Das schwöre ich dir. Willst du noch einen Doppelten?«
»Ja«, sagte der Mann.
Das Mädchen drehte sich weg, um ihm einen Doppelten einzuschenken, und als sie sich wieder umwandte, war der Mann nicht mehr da. Die Tür des Cafés schwang noch hin und her. Das Mädchen nahm einen Lappen, um die Marmorplatte abzuwischen, und bemerkte plötzlich, wie dort eine bleiche Blume lag. Auf den verwelkten Blütenblättern schimmerten feine Härchen. Obwohl es noch nie zuvor ein Edelweiß gesehen hatte, erkannte das Mädchen es sofort.

Bruderherz
Eines Tages kam irgend so ein Geldprotz, von zwei Gorillas begleitet, in die Boxhalle. Sein Gesicht war glatt wie bei einem Baby und sein Blick so traurig wie der einer Ölsardine in der Büchse; sämtliche Chefs und Trainer standen, Hände an der Hosennaht, untertänigst vor ihm, und an der Kehle brach ihnen der Schweiß aus. Der Geldprotz nannte leise den Namen Shoro Peschev. Dieser hörte, wie die Chefs sich fast überschlugen, ihn zu loben. Schließlich rief Herr Großes Tier ihn zu sich, drückte ihm die Hand und steckte ihm ein mit Gummiband zusammengehaltenes Bündel Banknoten zu. Erst als der Geldprotz wieder verschwunden war, begriff Shoro, dass er sich für dieses Geld von Kopf bis Fuß so einzukleiden hatte, dass ihn die Passanten auf der Straße für einen Universitätsassistenten halten sollten.
Damit begann der Dienst des Boxers Shoro Peschev bei dem Geldprotz. Jeden Morgen schickte man ihn zum Schießen auf einen privaten Schießplatz, bis er schließlich so gut war, dass er mit einem Schuss aus sechzig Schritt Entfernung eine brennende Kerze auslöschen konnte. Da hängte man ihm einen Revolver über die Achsel, einen weiteren an die Hüfte und setzte ihm volles Gehalt aus.
Sein Boss hatte nichts anderes zu tun, als mit dem Mercedes herumzufahren, von Zeit zu Zeit an irgendwelchen Orten anzuhalten und mit verschiedenen Leuten zu sprechen. Irgendwann am Nachmittag begann er zu trinken, und wenn er dabei zu viel des Guten tat, war Shoro derjenige, der später die Überreste seiner Persönlichkeit einsammeln musste.
Samstags hatte er frei. Dann besuchte er gewöhnlich seinen Bruder Ivailo. Sie gingen hinaus auf den Balkon, setzten sich auf zwei Hocker, schenkten sich Bier ein, und der Bruder erklärte ihm lang und breit, was in der Welt und bei ihm so vor sich ging. Seit jeher war er der Schlaueste in der Familie gewesen. Schon als Schüler begeisterte er sich für Computer, und jetzt besaß er eine gut gehende Firma für Computerprogramme.
An einem Samstag wurde Shoro vom Boss mit Rocky und Affe in die Provinz geschickt. Sie kamen zur Mittagszeit in dem Städtchen an und parkten den Mercedes vor der Nachtbar am Platz. Das Lokal hatte geschlossen. Die drei gingen durch den Privateingang und überraschten den Besitzer im Hausrock, wie er gerade dabei war, die Haare seiner blonden Gespielin zu kleinen Zöpfchen zu flechten. Rocky und Affe schlossen die Gespielin im Klo ein, nachdem sie ihr den Mund mit Klopapier gestopft hatten, und fesselten den Mann an den Stuhl. Dann kochten sie einen ganzen Liter Kaffee und fingen an, den noch kochenden Kaffee dem Mann mit einem Essigtrichter in den Mund zu schütten. Der Mann schrie wie am Spieß, und als sie ihn losbanden, unterschrieb er augenblicklich die Papiere, die Affe in weiser Vorausschau schon vorbereitet hatte. Kurz nach vier Uhr waren sie wieder in Sofia. Affe überreichte dem Boss einen kleinen Lederkoffer voller Banknoten. Der Boss lobte speziell Shoro, tätschelte ihm den Hals mit einer Hand, die so weich war wie die Pfote einer ertrunkenen Katze, und entließ ihn, damit er sich ausruhe.
Sein Bruder aber war heute überhaupt nicht bei Laune. Erst nach dem dritten Bier entspannte Ivailo sich ein wenig und erzählte, dass irgendwelche Typen Geld von ihm erpresst hätten. Shoro bat ihn nachdrücklich, falls er wieder Probleme mit ihnen haben sollte, sich bei ihm zu melden. Er schaute ins Brillengesicht seines Bruders, und seine Schultermuskeln zuckten.
Die ganze nächste Woche fuhr Shoro mit Rocky und Affe in der Provinz umher. Das Szenario war immer das gleiche, und alles lief glatt. Die kleinen Lederkoffer purzelten wie die Eicheln. Nur an einem Ort trafen sie auf Widerstand, und sie konnten es nicht vermeiden, ihren Revolver zu ziehen. Als sie die Männer gefesselt hatten, waren sie so erhitzt, dass sie den Kaffee vergaßen und gleich mit Variante B begannen - dem Fingerbrechen. Die Männer unterschrieben die Papiere sofort. Zwar wirkten die Unterschriften etwas krakelig, aber was machte das schon.
Der Boss empfing sie bis an beide Ohren grinsend, nahm das Geld an sich, reichte Shoro dann eine Adresse in Sofia und befahl ihm, dort auf die gleiche Weise vorzugehen. Er fügte noch hinzu, das würde seine Kampftaufe sein. Rocky und Affe saßen rechts und links neben ihm und stocherten mit Streichhölzern in ihren Zähnen. An der angegebenen Adresse befand sich das Büro einer Firma. Als Shoro eintrat, blickte er plötzlich in das Gesicht seines Bruders. Ivailo freute sich, bot ihm Tee an und sagte unter anderem, bis jetzt sei alles in Ordnung gewesen, niemand hätte ihn seitdem mehr aufgesucht. Shoro lief hin und her in dem Raum, schaute sich die Computer an und ging wieder. Nicht einmal seinen Tee trank er aus. Er fuhr wie ein Verrückter durch die Straßen. Bei seinem Boss angelangt, sagte er ihm, da müsse ein Irrtum vorliegen. An der angegebenen Adresse befinde sich die Firma seines Bruders Ivailo.
Der Boss nippte an seinem Glas und kratzte sich hinterm Ohr. Rocky und Affe standen auf, spuckten die Streichhölzer aus und knöpften ihre Jacken auf. Der Boss schaute Shoro eine Weile verwundert an und wurde dann plötzlich so traurig, als hätte er seinen eigenen Nekrolog erblickt. Er sagte, in ihrem Geschäft gebe es weder Brüder noch Schwestern. Ein Befehl sei ein Befehl. Jetzt solle Shoro ein guter Junge sein, solle sofort zurückfahren und das Begonnene zu Ende bringen.
Der rechte Schwinger des Boxers traf ihn noch vor dem Punkt am Ende des Satzes. Der Boss fiel in die riesige Tonne mit dem Ficus und krümmte sich wie ein Wurm am Angelhaken. Die Revolver von Rocky und Affe krachten gleichzeitig. Shoro verspürte keinen Schmerz, er sah auch nicht das Blut spritzen.
Zu seiner Beerdigung fuhren mindestens dreißig schwarze Limousinen vor. Den Sarg trugen Rocky, Affe und noch zwei Recken mit bärtigen Trauermienen. Der Boss trug eine dunkle Brille und blieb die ganze Zeit über im Wagen sitzen. Als alles vorbei war, rief er den Bruder des Verstorbenen zu sich und reichte ihm ein dickes, mit Gummiband zusammengehaltenes Bündel Banknoten. Er sagte, es täte ihm schrecklich leid und er trauere um Shoro Peschev. Einen so guten Angestellten wie ihn würde er kein zweites Mal finden. Er sagte noch, falls er - Ivailo - oder irgendjemand aus seiner Familie irgendwelche Probleme hätten, so sollten sie ruhig an ihn herantreten, ohne sich zu genieren. Ihm sei nichts unmöglich, so schloss er und tätschelte Shoros Bruder beim Abschied traurig die Wange.

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