"An der steinernen Brüstung der Eisenbahnbrücke stand in großen, mit der Zeit bereits durchgerosteten Buchstaben: 'Es lebe die Sache Lenins!' Unter der Brücke lebte eine Familie. Die Mutter war eine kleine Frau mit immer noch schönen Schultern und leuchtenden Augen. Sie trug eine geflickte Stepphose und schiefgetretene Männerschuhe. Ihr Name war Kera. Der Vater war braun und trocken wie ein Riemen. (...)"
So beginnt eine der fast sechzig "Geschichten für eine Zigarettenlänge", die Dimitré Dinev aus fünf der sieben Erzählungsbände des Autors für die deutschsprachige Premiere ausgesucht und in einem Nachwort gewürdigt hat.
In Bulgarien sind diese Stories, oder Miniaturen, oder Kalendergeschichten von 1994 bis 2005 erschienen und mit vielen Preisen bedacht worden. Ich habe mir diese Lektüre zu Ostern 2008 geschenkt. Draußen pfiff der Wind, es war kalt, doch was ich las heizte mich auf. Storie auf Storie. Schlag auf Schlag. Wieso erinnerte ich mich plötzlich an die frühen Sechziger? An meinen Englischlehrer? Er hieß Bretzer, war ein Kenner und Liebhaber der großen amerikanischen Short Stories und Novels. Wir lasen unter seiner fachkundigen Anleitung "Lord of the flies" und "Old Yeller" von Fred Gipson, worin es um das Glück einer bitter armen amerikanischen Familie ging, um einen kleinen Jungen, der noch nie in seinem Leben einen Dollarschein sah...
Fast alle Geschichten von Dejan Enev haben mich begeistert, besonders die drei Meisterwerke Django, Koko und (Staats)Zirkus Bulgarien . Enev beschreibt die Brüche, welche das bäuerliche Dorfleben ebenso beschert wie das Überleben in der Großstadt, auf eine höchst eigensinnige, äußerst prägnante und stets wunderbar lakonische Art. Als breche er widerwillig, doch gezielt, ein Schweigegelöbnis, das er jemanden gegeben hat, den wir nicht kennen.
Es sind keine literarischen Figuren sondern faszinierende Menschen, die uns aus den knappen Texten entgegentreten. Sie faszinieren, weil sie so überraschend anders sind, als wir erwarten und doch so vertraut, wie Chaplin in "Moderne Zeiten". Und doch sind es nicht amerikanische Menschen, sondern zufällig bulgarische, von denen Enev so beeindruckend berichtet, verrückt oft, ob sie gerade in psychiatrischer Behandlung sich befinden oder nicht. "Zirkus Bulgarien" ist eine meisterlich geschriebene Zumutung, über das Kuckucksnest der eigenen Vorurteile zu fliegen.