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DVD ~ Götz Schubert
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Jens Sparschuhs «Zimmerspringbrunnen»
Einen anschwellenden Abgesang stimmen die Literaturkritiker in diesem Bücherherbst an: Die Vorfreude auf den Jahrhundertroman erwies sich als verfrüht, Günter Grass blieb mit «Ein weites Feld» um Längen hinter dem Erfolgsrekord seiner jungen Jahre zurück. Während der Schlagabtausch zwischen angriffslustigen Journalisten und dem bereits schwer verletzten Autor die öffentliche Neugier erregt, erscheinen andere Bücher auf dem Markt im unauffälligen Brusttaschenformat, leichtgewichtig und dennoch mit dem schwerwiegenden Thema der neudeutschen Einheit und Zwietracht sich befassend.
Konsumrepublik
Jens Sparschuh zum Beispiel, 1955 in Karl-Marx-Stadt geboren und den Erinnerungen an die vergangene DDR nachschauend, legt mit «Der Zimmerspringbrunnen» einen spritzigen «Heimatroman» vor. Bekannt wurde der promovierte Philosoph durch sein Hörspiel «Ein Nebulo bist du» eine Produktion des Saarländischen Rundfunks, die dem Autor den Hörspielpreis der Kriegsblinden einbrachte. 1993 veröffentlichte er unter dem Titel «Der Schneemensch» eine skurrile Geschichte über den Rassenwahn im Nationalsozialismus. «Der Zimmerspringbrunnen» nun erzählt von deutscher Gegenwart: von den befremdenden Begegnungen zwischen «Westmenschen» und «Zonendödels», von einer komischen Vertreterkarriere in Ostberlin und dem Verdruss, den die Suche nach Liebe und Liebelei in der vereinigten Konsumrepublik bereitet.
Hinrich Lobek heisst der naive Held, den Sparschuh ausschickt, nach dem Mauerfall das Gewerbe des Handlungsreisenden zu erlernen. Vor der Entlassung in die Vollbeschäftigung bosselt der Abgewickelte der Ostberliner Kommunalen Wohnungsverwaltung noch eine Weile in seinem Hobbyraum einer Ostberliner Mietskaserne und kultiviert eine «stille Leidenschaft: die Laubsägearbeiten». Während Ehefrau Julia angesichts dieser Einsiedelei die Flucht ins Ausserhäusliche antritt, bleibt Lobek auf sich und den treuen Schäferhund namens Freitag gestellt. Als Robinson im gewendeten Deutschland angespült wird, schlägt er die ausufernde Freizeit mit Basteln, Blumengiessen und Grübeln tot.
Erst die Bewerbung auf eine Anzeige bringt Leben in sein lahmgelegtes Leben: Lobek besucht einen Lehrgang im Schwarzwald, per Rollenspiel übt er Verkaufsstrategien ein. Bei seinem Chef hinterlässt er einen vorzüglichen Eindruck, obwohl ihm ein Fleischklops im Mund die Sprache verschlägt. Inmitten aufdringlicher Geschwätzigkeit zieht dieser stille Vertreter mit dem Ossi-Bonus die Aufmerksamkeit auf sich. Eigentlich fehlen ihm die Worte, schnüren ihm Fremdheit und Angst die Kehle zu. Aus dieser Unsicherheit heraus jedoch purzeln Sätze von aphoristischer Kürze, in denen Kunden und Kollegen tiefe Weisheit wähnen. «Ich suche die Wahrheit», raunt Lobek einmal, als er zum Verkauf einer preisgünstigen Hose schreitet.
Wie ein Clown, der seine Pointen zur rechten Zeit setzt, heimst Lobek Beifall ein. Im badischen Fortbildungsquartier tritt er auf wie einst die Perser in Paris bei Montesquieu. Der Exot, der aus dem Osten kommt, hält seinen neuen Mitbürgern den Spiegel vor, ohne sie vor den Kopf zu stossen. Scheinbar ungerührt registriert er wohlwollende Überheblichkeit, Konkurrenzgebaren, vorauseilenden Gehorsam und schweigt sich aus. Wie ferngesteuert, «rasiert und verkleidet», mischt sich der frischgebackene Angestellte unter die Leute. Allenfalls sein «Protokollbuch» birgt Hinweise auf den «Phantomschmerz», der ihn in stillen Stunden sticht. Als er sich im Schwarzwald-Hotel einmal durch sämtliche Fernsehkanäle zappt und eine Ahnung davon entwickelt, wie sehr der Mensch vom Gaffen abstumpft, entfährt ihm fast zwanghaft der Satz: «Ich liebe meine Heimat, die Deutsche Demokratische Republik.»
Der Autor lässt seinen scheinbar emotionsarmen Helden zwischen nostalgischer Rückschau und kritischer Wahrnehmung pendeln. Einen Spassvogel mit Trauerkloss im Hals schickt er los, um in der Fundgrube des Alltags zu wildern. Lobeks Wunsch, «es wäre alles so wie früher», wird immer wieder abgelöst durch den beherzten Vorsatz: «Alles soll anders werden.» Unter seiner Narrenkappe liegen Humor und Zorn, Angst und Ausgelassenheit miteinander im Clinch. Wenn Lobek sich gewitzt entrüstet und den Leser zum Lächeln bringt, ist ihm oft zum Weinen zumute: «Für sich selbst einzukaufen ist eine verdammt traurige Sache. Ausserdem: in was für einem Staat leben wir denn!! Das fuhr mir wütend durch den Sinn, als ich in meinem Portemonnaie, wie schon so oft, ergebnislos nach einem Markstück fahndete. Wo leben wir denn? Wer klaut denn hier Einkaufswagen?»
Redlich verdient Lobek, die ehrliche Haut, seinen Unterhalt. In vielen Heimwerkerstunden entwirft der geduldige Tüftler das Modell «Atlantis» einen Zimmerspringbrunnen, der sich als Renner unter den «kleinen Oasen der Lebensfreude» erweist. Die Hausbesuche des Vertreters bei den sonst so zurückhaltenden Ostkunden lösen rege Nachfrage aus. Alle wollen «Atlantis», und Lobek steigt auf in den siebenten Himmel der Vertriebsleitung Ost. An dieser Stelle könnte die deutsche Variante vom amerikanischen Traum ausgeträumt sein, wenn nur die Liebe nicht wär'. Und mit der tut Lobek sich schwer. Im Gegensatz zu seiner soliden Laubsägearbeit hält sie nicht stand, sondern schmilzt dahin wie das Eis im Jahrhundertsommer.
Mutmachersprüche
Beim flüchtigen Lesen plätschert Jens Sparschuhs Plauderton-Geschichte gleich einem Zimmerspringbrunnen. Wie die Brötchen des Westbäckers, die Lobek verschmäht, scheint sie mit nichts als Luft gefüllt zu sein. Allmählich jedoch erschliessen sich unter der vermeintlich glatten Oberfläche subtile Komik und ironische verpackte Systemkritik. Hinter den flotten Mutmachersprüchen des Eigenbrötlers Lobek klafft das Leiden an der Einsamkeit und der Unwirtlichkeit des Daseins. Sparschuh versteht es, von Zeit zu Zeit einen Einblick in die Tiefen des Abgrunds zu gewähren. Dann fragt er getragen, «ob nicht unser ganzes Leben ein Vor-Leben ist». Doch sogleich flattert er weiter zum Übersichtlichen, um in einer tröstlichen «ungefähren Ordnung» zu landen. Sein verspielter Schelmenroman, den er scheinbar locker aus dem Ärmel zaubert und philosophisch anhaucht, nähert sich den deutsch-deutschen Problemen sensibel, aber unaufdringlich ganz ohne gravitätische Diktion. Ein starkes Stück über die schwachen Stellen beim Zusammenwachsen von Ost und West.
Christiane Schott -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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