Mit
Liebes Tagebuch bewies der Italiener Nanni Moretti Mitte der Neunziger bereits nachdrücklich, dass Hollywood-Ästhetik seine Sache nicht ist. Vor allem in Sachen Erzähltempo und Rhythmus weiß sich der Italiener eher dem französischen Kino eines Chabrol oder Truffaut verpflichtet. Auch "La stanza del figlio", der in Cannes 2001 als bester Film prämiert wurde, krankt ein bisschen an diesem fast schon narzisstisch zu nennenden Beharren auf Autorenfilm-Allüren. Die Exposition, in der wir die vorbildlich eingespielte Familie des Psychiaters Giovanni, seiner ebenfalls berufstätigen Frau Paola und der beiden fast erwachsenen Kinder Andrea und Irene kennen lernen, macht fast die Hälfte des Films aus. Zur Lappalie wird nachträglich der Konflikt, den Andrea in der Schule auszustehen hat, weil er mit einem Freund einen Gegenstand aus der Biologie-Sammlung entwendet und versehentlich zerstört hat. Denn wenig später ist Andrea tot - ein tragischer Tauchunfall.
Es ist beklemmend zu sehen, wie daraufhin die Sicherheiten dieses trauten Familiendaseins verloren gehen wie ein Paddelboot auf hoher See: Sein Berufsalltag kommt Giovanni plötzlich absurd vor, die Ehe kriselt, die Tochter rastet beim Basketball aus. Minuziös beobachtet Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller Nanni Moretti, ohne angesichts der Dreifachbelastung jemals überfordert zu wirken (allerdings wirkt die kurze Nacktszene mit Laura Morante deplatziert), diesen Zerfall, ausgelöst durch die Unbarmherzigkeit und Unkalkulierbarkeit des Todes. Erst als eine von ihm zu Lebzeiten verschwiegene Urlaubsliebe Andreas sich per Brief meldet, lockern sich die wie in Stein gehauenen Verzweiflungsmienen der gequälten Eltern wieder etwas und sie raffen sich auf zum sprichwörtlichen Blick nach vorn.
Ein Film, der subtil und mit großer Eindringlichkeit vom Einbruch des Unfassbaren und doch gar nicht so Unwahrscheinlichen in eine ganz normale, gut situierte bürgerliche Familie handelt und auch deutlich macht, dass eine große Leere bleibt, wenn man sich über die Elementarfragen des Daseins nicht beizeiten die nötigen Gedanken gemacht hat. Denn der Schlag, mit dem das Schicksal diese zuvor so glückliche Familie heimsucht, kann seine gewaltige Wucht nur deshalb entfalten, weil alle auf Sicherheiten, auf Selbstverständlichkeiten gebaut und vertraut haben, die es so in keinem Menschenleben gibt. Es ist daher nur folgerichtig, dass Giovanni sich in seinem Beruf, der auf Freud'schem Determinismus und naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen basiert, plötzlich nicht mehr heimisch fühlt. Sie lassen das Individuum in der Zeitlichkeit der eigenen Existenz allein und spenden keinen Trost.
Für Freunde von
Keine Sorge, mir geht's gut und
Zeit der Trauer.