Weil das Zimmer einer Pension im Florenz des Jahres 1907 nur die Sicht auf einen profanen Hinterhof gewährt, möchte es die gutsituierte Lucy Honeychurch, die als Touristin in elitärer Begleitung aus dem britischen Empire in Italien weilt, unbedingt gegen eine Behausung mit einem romantischen Blick auf das Panorama der Stadt eintauschen. Der unkonventionelle Mr. Emerson und sein Sohn George, die beide zufällig ein solches Zimmer beziehen, erklären sich dazu bereit. Lucys Aufsicht, ihre Cousine, die wesentlich ältere Mrs. Charlotte Bartlett, die hinter dem Angebot der freundlichen Emersons intime Interessen zu wittern glaubt, weigert sich zunächst auf Moral und Anstand pochend, dem Tausch zuzustimmen, willigt dann aber dennoch ein. Diese Ouvertüre ist der Beginn eines ironischen Spiels mit den puritanischen Tabus, das sich wie ein roter Faden durch James Ivorys Meisterwerk des britischen Heritage-Cinemas zieht. Schon der Titel des Films verweist auf die zentrale Metapher: Durch das Fenster in dem "Zimmer mit Aussicht" schaut Lucy mit nostalgischem Blick aus den muffligen Gesellschaftsräumen der sich dem Ende neigenden viktorianischen Epoche auf die am Horizont anbrechende neue Zeit der Moderne, die unaufhaltsam sämtliche gesellschaftlichen Schichten erfasst und sich in der noch unterdrückten Liebe zwischen der rebellischen Aristokratentochter und dem freigeistigen George manifestieren wird.
In raffinierter Art und Weise nutzt Ivory die beiden unterschiedlichen Schauplätze der Handlung zu einer sehr polarisierenden Darstellung. Die erste Hälfte des Films spielt in Italien, wo die kunsthungrigen Viktorianer, die stets in genüsslichem Tratsch vertieft sind, mit der bukolischen Verführungskraft des südländischen Habitus konfrontiert werden. So sieht man die gouvernantenhafte Charlotte als Abbild der alten Zeit naserümpfend mit gespitzten Lippen und einem Taschentuch vor dem Mund blasiert durch das barocke Dekor von Florenz taumeln. In Lucy macht sich dagegen ungehorsamer Unmut breit und sie distanziert sich innerlich immer mehr von den strengen Konventionen ihrer britischen Herkunft. So wird in einer Allegorie im Film öfters betont, dass Lucy in dem engen Korsett ihrer Kleider kaum laufen kann. Die wackligen Gänge in ihrem bis oben hin zugeschnürten Körper wirken auf den Betrachter wie ein Handicap, das mit aller Macht die Entfaltung des freien Geistes behindert. In der betörenden Sinnlichkeit Italiens findet Lucy eine Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte, ohne diese jedoch offen auszusprechen. Nur wenn sie mit eruptiven Intonationen Beethovens Waldstein-Sonate am Klavier spielt, tritt ihre unterdrückte unbritische Leidenschaft offen in Erscheinung. Die süßen Klänge von Giacomo Puccini im Stil des Fin de Siécle aus dem treffend gewählten Soundtrack übertragen sich scheinbar immer mehr auf ihr Gemüt und leiten Lucy neugierig den Charme der Fremde erforschend durch das in goldbraunen und roten Farbtönen getränkte antike Ambiente der Stadt, wo sie Zeugin einer Messerstecherei wird und in Ohnmacht fallend von George weggetragen wird. Auf einer abschüssigen Landpartie streift sie inmitten warmer Bildkompositionen, von langsamen Kamerafahrten begleitet, durch opulente Obstplantagen und idyllische Kornfelder der toskanischen Flora, in denen der progressive George ihr schließlich einen unschicklichen Kuss verpasst. Von der erlebten Erregung verunsichert, flüchtet sie jedoch, den tradierten Normen des viktorianischen Anstands verpflichtet, zurück in die unzeitgemäßen Restriktionen des Empires. Dies ist das Set für den zweiten Teil des Films. In ihrer friedhofsgrünen Heimat verlobt sich Lucy aus Vernunftgründen mit dem eitlen Cecil Vyse, der den sinnlich reduzierten, kühlen Typus eines im Dünkel des Establishments gefangenen, exaltierten Dandys verkörpert. Doch dann erfährt Lucy, dass die leer stehende Villa in der Nähe ihres Elternhauses zwei neue Mieter bekommt: Mr. Emerson und sein Sohn George.
Die präzise Adaption von Edward Morgan Forsters Romanvorlage verleiht dem Film diese markante Ivory-Merchant-Note, die in einer Mischung aus nostalgisch gefärbtem Sittengemälde, ironischer Paraphrase, scharfsinnigen Dialogen, subtilem Psychogramm und einem nuanciert gezeichneten Porträt die Vielseitigkeit des Buches mit viel Respekt sehr werkgetreu auf die Leinwand überträgt. Dass der Film trotz aller ästhetisierter Kunstfertigkeit nicht in sich erstarrt, liegt an den wunderbaren Darstellern, die dem Werk mit ihrer Lebendigkeit jede Form von steriler Antiquiertheit austreiben. Nahezu karikierend verkörpern Maggie Smith (Charlotte) und Daniel Day-Lewis (Cecil) die stets die Etikette wahrenden Repräsentanten der alten Zeit, die distanziert und voreingenommen aus dem eng begrenzten Rahmen ihrer Fenster auf die Welt blicken und nur das sehen, was ihre Erwartungen erblicken wollen. Wunderbar reflektiert sich in Helena Bonham Carter (Lucy) und Julian Sands (George) der Wandel des Zeitgeistes in Richtung Moderne, der in sanften, schüchternen Träumereien die freigeistigen Vertreter der neuen Ära in romantischer Seelenverwandtschaft weltoffen nach "Draußen" drängt. Weit weg von der zeremoniösen Lebensart des spätviktorianischen Empires, dessen Vorliebe für die anerzogene reflexartige Reaktion des "Sich-Entziehens" in diesem heiter bis wehmütigen Milieutableau aus der Zeit vor den Weltkriegen auf die Schippe genommen wird. Komplettiert wird das prächtige Cast von Judi Dench (als Schriftstellerin Eleanor Lavish) und Denholm Elliott (Georges Vater).
Das Bild dieser DVD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2009 wurde gegenüber der stark kritisierten Erst-Edition deutlich verbessert. Die Tonspur liegt jeweils in Deutsch und Englisch in Dolby Digital 5.1. vor. Als Extras stehen die Audiokommentare von James Ivory, Ismail Merchant, Simon Callow und Kameramann Tony Pierce-Roberts zur Verfügung. Trailer und Fotogalerien sind ebenfalls abrufbar.