Es ist zwar schon verdienstvoll, endlich ein Buch über die wunderbaren Zingara-Wahrsagekarten anzubieten (das Buch ist übrigens durchaus auch zu benützen für das gleich zusammengesetzte Vera Sibilla-Deck), aber dieses konkrete Werk befriedigt nicht wirklich. Die Autorin macht absolut nicht klar, nach welchen Kriterien sie "Hauptkarten" und als Synonyme oder sonstwie überflüssig betrachtete "Nuancekarten" unterscheidet (warum ist die "Melancholie" Hauptkarte und die Karte "Traurigkeit" -eigentlich "Seufzer", Nuancekarte?, und warum es diese eher seltsame Einteilung überhaupt brauchen soll. Wenn man ein 36er-Deck will, kauft man sich ein 36er-Deck! Gleichzeitig werden Karten teilweise umbenannt oder gegen ihren Titel gedeutet. Jedermann nimmt bei Zigeunerkarten "Geliebter" und "Geliebte" als zentrale Personenkarten, hier werden sie aussortiert, die Hauptpersonen sind "der große Herr" und die "Ehefrau" (gleichzeitig Kinderkarte), während die greise "alte Dame" als Hauptkarte schon eine 40jährige symbolisiert... Warum wird die Karte "Falschheit" in "Katze" umbenannt, bloß weil sie als Symbol eine Katze zeigt? Warum sind so zentrale, durch keine anderen adäquat vertretenen Karten wie "Treue" (oder vielleicht umgetauft "Hund") und "Unglück" bloß Nuancekarten, zu denen es nur ein paar Stichwörter gibt?
Dass die Karte "Konstanz" auf Deutsch besser mit "Beständigkeit" zu übersetzen wäre, ist der Autorin nicht anzulasten, aber gerade diese Fehlübersetzung tastet sie nicht an.
Weiterer Mangel: Die Altersgruppe 20-39 ist, wenn man wirklich die Nuancekarten aussortiert, durch keine einzige Karte abgedeckt! Nach welchem System werden überhaupt die Karten im Buch angeordnet? Das Alphabet ist es nämlich nicht? Die Stichwörter zu den Karten selbst sind durchaus brauchbar und einigermaßen reichhaltig (Warum gibt es jeweils zwei Abschnitte zum Thema Beruf und dafür keine Zeile zu Liebe/Beziehung?), aber für die Anwendung müsste man eben wissen, für welche Legesysteme sie zu gebrauchen sind - das Buch, und das habe ich wirklich in all den Jahren der Beschäftigung mit dem Thema noch nie erlebt, enthält nicht ein einziges Legesystem - gerade für 52er-Decks sind Legesysteme aber kaum bekannt und absolute Mangelware. War bei stolzen 50 Seiten das Maximum an Text schon erreicht? Was soll ein Anfänger, der noch nie von einem Häusersystem gehört hat, mit Stichworten für das "Berufshaus" anfangen?
Wo bekommt er das Häusersystem her, wenn es die Bücher gewöhnlich nur für 32-Karten Skat oder 36-Lenormand beschreiben? Soll in Wahrheit jeder den auf der letzten Seite beworbenen Kurs bei der Autorin machen, wo das Buch vielleicht als Lehrbuch verwendet wird?
Für Fortgeschrittene, die nun eben auch dieses Deck in ihr Repertoire aufnehmen wollen, schon mit Zigeunerkarten und Häusersystemen Erfahrung haben und ausreichend Literatur dazu besitzen, ist das Buch als Skriptum zum Nachschlagen und Auswendiglernen schon recht brauchbar (obwohl man sich das mit solcher Erfahrung dann auch selbst zusammenreimen könnte). Für Anfänger(innen) aber eher abzuraten.
PS: Mit Roma und Sinti haben so genannte "Zigunerdecks" nichts zu tun, das war ein Marketing-Gag der Enstehungszeit, von der Vorstellung "Geheimnisse eines fahrenden Volkes" könnte man sich also langsam lösen.