"Ich habe es gewusst" zu sagen, wäre jetzt zu einfach... aber es nicht zu sagen, fällt genauso schwer... ;-)
Da kommt ein Film in die Kinos, der sich mal nicht gutmenschelnd und plakativ tolerant randgefüllt mit political correctness Themen annimmt, die von sich aus eher schwierig zu behandeln sind... und schafft es, einen bei allem Lachen und Lächeln sehr nachdenklich und trotzdem voller Optimismus aus dem Kino zu entlassen - und schon schreit wieder jemand "flach, banal, verallgemeinernd, dem Thema nicht gerecht" usw. usw. usw.
Ja, Philippe ist reich, adlig, hat dadurch viele Vorteile, die ein durchschnittlicher Behinderter nicht hat. Aber was nutzt ihm all sein Geld? Die, die sich um ihn kümmern, sehen in ihm den Arbeitgeber, den Behinderten, den Bemitleidenswerten, den, um den man sich kümmern muss, der viel Pflege braucht... keiner sieht in ihm einen Menschen mit Sehnsüchten, Wünschen, Träumen, die jäh abrupt beendet wurden.
Und dann platzt dieser - im Film zugegebenermaßen besser als in der Realität aussehende - Bewohner des Banlieue in sein Leben... und will da gar nicht rein! Im Gegensatz zu all den professionell Betroffenen, mit denen Philippe sonst so zu tun hat... und dann kommt er aber doch - und entdeckt diese neue Welt mit einer Skepsis und einer Unbekümmertheit, die ansteckend ist.
Zwei meiner liebsten Szenen aus dem Film, die, wie ich finde, das Thema wunderbar auf den Punkt bringen:
Driss soll Philippe mit dem Auto fahren - selbstverständlich wartet Philippe vor dem "behindertengerechten" Transporter - und Driss ist völlig sprachlos, wie jemand sich so transportieren lässt. "Es ist pragmatisch" - was für ein Käse. Und setzt Philippe in den Maserati, der sorgfältig abgedeckt daneben steht. Die Freude zu sehen, die sich danach während der Fahrt auf Philippes Gesicht breitmacht, ist tief berührend.
Und die zweite Szene: Philippes Anwalt und Freund warnt ihn vor Driss. Er sei ein Krimineller und ihm sei nicht zu trauen. Er habe keinerlei Qualifikationen und kein Mitleid. "Genau das will ich. Was er voerher gemacht hat, ist mir sch... egal. Weißt du, dass er mir immer wieder das Telefon reicht? Weil er vergisst, dass ich das nicht kann!"
Philippe braucht Mitgefühl, kein Mitleid - und genau das bekommt er von Driss. Als Philippe vor Schmerzen stöhnt, ist Driss bei ihm und beruhigt ihn, wacht an seinem Bett, ohne Worte, er ist einfach nur da. Und hilft ihm so viel mehr als alle Profis, die über ihrer Professionalität ihre Menschlichkeit vergessen haben...
Nur, wer schon einmal heftige Schmerzen erlebt hat, weiß, wie wichtig es ist, jemanden an seiner Seite zu haben, der einfach da ist, die Hand hält - oder hier das Gesicht - und einen Anker bietet, der einen in dem Chaos mit der Realität verbunden hält. Das ist durch nichts zu ersetzen...
Und genau das ist es: es geht um Menschlichkeit, die aus dem Herzen kommt, die den anderen so nimmt wie er ist, ohne nachzudenken, ohne sich um irgendwelche Normen oder gesellschaftliche Regeln zu kümmern, direkt, geradeaus.
Der Film ist für mich typiquement francais, leicht, spielerisch und in seinen Botschaften sehr subtil. Nur, wer mit Kopf und Herz dabei ist, hört und sieht auch die leisen Töne, die versteckten Botschaften - und die dadurch unüberhörbare Kritik an unserem Umgang miteinander...
Danke, danke an die Drehbuchautoren und an die Darsteller für dieses feine, liebevolle, wunderbare Geschenk!
P.S. Eine Beschreibung des Inhalts habe ich mir jetzt geschenkt, weil die in den anderen Rezensionen bereits sehr gut und vollständig erfolgte. :-)