Inhalt:
Der Campus, eine von Ex-Präsident Jack Ryan sr. Eingesetzte, zivile Geheimdienstinstitution, kommt nicht zur Ruhe:Verstärkt durch den ehemaligen Marine Sam Driscoll, operieren John Clark, Domingo Chavez, Dominic Caruso und Jack Ryan, jr. In diversen Ländern. Derweil zieht Zuhause Jack Ryan, sr. In den Wahlkampf um seinen Wiedereinzug als Präsident ins Weiße Haus. Doch die Gegenseite um den amtierenden Präsidenten Edward Kealty gräbt einige schmutzige Details aus Jack Ryans Vergangenheit und seiner Beziehung zu Ex-CIA-Mann John Clark aus. John Clark entzieht sich dem Zugriff der Behörden und macht in Europa Jagd auf die Hintermänner. Inzwischen fällt Sam Driscoll nach einem Feuergefecht in die Hand islamistischer Terroristen. Derweil verbündet sich ein pakistanischer General mit einem russischen Unternehmer, um einen vernichtenden Schlag zu landen. Ihnen gelingt der Diebstahl zweier Atombomben, mit denen zwei Raketen bestückt werden sollen.
Kritik:
Die beiden Autoren Tom Clancy und Mark Greaney zeigen, dass auch im neuen Jahrtausend noch mit Tom Clancy zu rechnen ist. Während andere (Agenten-)krimireihen sich nur noch selbst zitieren, mit Helden, die obwohl seit nunmehr 50 Jahren im Dienst, noch immer Mitte 30 und zu ihrer eigenen Karikatur geworden sind, sind Tom Clancys Helden gealtert, haben den Stab an die Nachfolger weitergereicht.
Mit Im Auge des Tigers" hat Tom Clancy eine neue Storyline begonnen, in deren Mittelpunkt der vom damaligen Präsidenten Jack Ryan gegründete Campus steht, eine inoffizielle Spionageorganisation, deren Ziel die Jagd nach Terroristen ist. Diese Storyline setzt sich nach Dead Or Alive" auch in Ziel erfasst" sowie im Nachfolger Threat Vector" fort.
Tom Clancys Heldenfiguren bedienen die Sehnsüchte des einfachen Mannes von der Strasse, der Realo genug ist, um sich nicht auf irgendwelche Fantasygeschichten in fiktiven Kontinenten oder irgendwelchen Zauberschulen einzulassen und der mehr will als nur seinen öden 8bis5-Job, der stattdessen selbst aktiv werden möchte, anstatt nur passiv zuzusehen, wie irgendwelche Dummschwätzer und naiven Weltverbesserer bei einem Tässchen Kräutertee die Probleme dieser Welt zerreden und eher Teil des Problems als Teil der Lösung sind. Tom Clancys Helden gehören der gehobenen Mittelschicht an, haben aber nicht Otto Durchschnittsversager zum Freund, sondern in ihrem Bekanntenkreis finden sich illustre, aufregende Gestalten aus den Reihen von Polizei, Militär, Geheimdienst, Soldaten und Agenten, Killer und Vollstrecker. Und wenn die Regierung ihre Dienste nicht mehr will, wird eben schnell eine zivile Einrichtung (Der Campus) etabliert, die den gleichen Zweck verfolgt. Tom Clancy gelingt es, diese Figuren authentisch und lebensnah, also fernab der Abgehobenheit eines James Bond oder moralischen Überlegenheit eines Jerry Cotton zu präsentieren:Mit Tom Clancys Helden können sich die männlichen Leser weitaus besser identifizieren, auch weil Tom Clancys Universum aus einer archaischen Männerwelt besteht, wie dies in der modernen westlichen Gesellschaft kaum noch zu finden ist. Darüber hinaus zeigt der Roman, dass die Jagd auf die Bösen nur selten aus plakativen Verfolgungsjagden und Schießereien besteht, sondern mehr aus dem Abfangen von E-Mails und dem Zurückverfolgen des Geldflusses.
Nachdem in den vergangenen Romanen Tom Clancys Helden ihren Status als Regierungsmitarbeiter verloren haben, entsprechen diese mehr noch als zuvor dem amerikanischen Mythos des Westerners, der in ein von Schurken terrorisiertes, ödes Kaff reitet, die Banditen erschießt und in den Sonnenuntergang davon reitet. In der globalisierten Welt des Tom Clancy wurden aus dem Kaff diverse andere Länder, in denen die Helden agieren.
Bei Tom Clancy sind die Agenten nicht jene klischeehaften Figuren mit Wodka Martini in der einen, Pistole in der anderen Hand und einer Blondine auf dem Schoß. Die Helden bei Tom Clancy sind Familienmenschen, aber dennoch keine problembehafteten Zauderer oder den Müll raustragende Pantoffelhelden. Und bei Tom Clancy kann man auch sicher sein, dass nicht irgendein General vor Gericht gestellt wird, weil er um seine Soldaten zu schützen einen Luftangriff befohlen und dabei ein paar ,Zivilisten' getroffen hat, die gaaanz zufällig grade dort waren ...
Womit sich Tom Clancys Romane von denen seiner Kollegen abhebt, ist auch, das man sich als aufmerksamer Leser fragt, was in seinen Romanen Realität und was Fiktion ist, oder auch was der gemeine Leser für Fiktion hält, in Wahrheit jedoch bereits Realität geworden ist. Wäre das nicht ein Ding, wenn eine Institution wie der Campus" tatsächlich existieren würde? Wenn man sich ansieht, wie diverse Gutmenschen und nervende Weltverbesserer unseren Regierungen auf der Nase rum tanzen, dann scheint eine Einrichtung wie der Campus seine Berechtigung zu haben ... Während des lesens ist man geneigt, Tom Clancy zuzustimmen, der die Aktionen in seinen Romanen auch stets überzeugend zu begründen vermag. Nach dem Ende des Romans jedoch, besonders nach dem Epilog, ist man jedoch froh über ein Mindestmaß an rechtsstaatlicher Ordnung, die derlei einfache Lösungen nicht zuläßt.
Was ich in Ziel erfasst" jedoch vermisst habe, war der in Gegen alle Feinde" eingeführte Navy SEAL Max Moore - auf den hatte ich gewartet, kam es doch am Ende von Gegen alle Feinde" schon zur ersten Begegnung.
Auch Ziel erfasst" ist natürlich reine Propaganda - na und? Auch hier bezieht Tom Clancy klar Stellung, liefert eindeutige Feindbilder, seine Romane verkommen nicht zu Problemstories oder Sozialdramen. Und im Gegensatz zu anderen (Krimi-)Autoren, die bloß irgendwo irgendwelche Waffennamen und Kaliberangaben aufgeschnappt haben und diese auf unglaubwürdige Weise herunterspulen, merkt man auch Ziel erfasst" an, dass Tom Clancy bei der Waffendarstellung auf eigene Erfahrungen zurück greifen kann, und somit deutlich glaubwürdiger rüber kommt als seine literarischen Kollegen.
Natürlich ist es sehr schwierig, in eine solche Geschichte Stil hinein zu bringen, wenn die bemühten Feindbilder hauptsächlich aus verlotterten, bärtigen Analphabeten bestehen - das war eben im Kalten Krieg noch anders!
Und am Ende von Ziel erfasst" müssen die aufrechten Amis der inoffiziellen Spionageeinrichtung Campus samt Rainbow sogar den Russen zu Hilfe eilen, weil die es nicht gebacken kriegen, mit irgendwelchen Terroristen fertig zu werden ... ist derlei so abwegig? War da nicht mal was mit Tschernobyl ...
Klar kann man sich darüber aufregen, wenn Tom Clancy seine Helden in Ländern außerhalb der USA operieren läßt, ohne Kenntnis der dortigen Regierung, in diesen Ländern vermeintliche Terroristen erledigt, also außerhalb jeder demokratischen Rechtsstaatlichkeit, aber derlei erlauben sich doch andere Länder auch ...
Und in einer Zeit, in der rotgrüne Weltverbesserer versuchen, einem ständig eine Schuld einzureden, weil man Fleisch isst, Alkohol trinkt, Auto fährt, Pornos guckt, Glühbirnen und Plastiktüten benutzt, kurz, das Leben genießt, in so einer Zeit ist es klasse, dass es einen wie Tom Clancy gibt, dessen Romane die klare Botschaft vermitteln:"Hey, es ist trotz kurzweiliger Probleme noch immer cool, zu dieser westlichen Gesellschaft dazuzugehören!"
Ich habe gleich danach mit Tom Clancys neuestem Werk Threat Vector" (Englische Ausgabe, da es mir inzwischen einfach zu lange dauert, bis die deutsche Ausgabe erscheint) zu lesen begonnen, weil ich gespannt bin, wie's weiter geht ... schön, dass Tom Clancy im Jahresrhythmus einen neuen Roman folgen lässt, nachdem nach Im Auge des Tigers" lange nichts mehr erschienen war.
Ziel erfasst" ist nichts für jene, die ständig nach plakativen Szenen gieren, und mit mehreren Handlungssträngen total überfordert sind oder nach der kindgerechten Friede-Freude-Eierkuchen-Botschaft diverser Fantasy-Schmöker verlangen. Ziel erfasst" ist eher für jene, die sich zwischen Im Auge des Tigers" und Dead Or Alive" mit der TV-Serie 24" und Jack Bauer die Zeit vertrieben haben ...
Mir gefallen Tom Clancys moderne Romane (Also jene ab Im Auge des Tigers") besser als die vorherigen, da Tom Clancys Romane erst so richtig ins 21. Jahrhundert passen, und Tom Clancy seit dem 9/11 als ernstzunehmender, fast schon prophetischer Autor angesehen werden kann. Seine vorherigen Romane zerfaserten oft in unzählige Details, öde Erklärungen (Ich denke da sofort an dieses Kapitel aus Das Echo aller Furcht", in dem beschrieben wird, was genau bei der Explosion dieser Bombe passiert!). Nach dem 9/11 stand Tom Clancy ja vor dem Problem, dass er Ereignisse ähnlich denen am 9/11 in seinem Jack-Ryan-Universum schon einmal beschrieben hatte (In den Romanen Ehrenschuld" und Befehl von oben"), dass jedoch die wahren Ereignisse des 9/11 zu groß und folgenreich waren, um sie in seinen zukünftigen Romanen zu ignorieren. Wie er den 9/11 in seine Romane integriert hat, ist durchaus gelungen.
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