Jeder Fußballinteressierte erinnert sich an die 109. Minute des WM-Finales im Berliner Olympiastadion zwischen Frankreich und Italien: Zinédine "Zizou" Yazid Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, aufgewachsen mit seinen drei Brüdern und seiner Schwester in einem Problemviertel Marseilles, dreimaliger Weltfußballer des Jahres, wird nach einer Kopfnuß, die er seinem italienischen Gegenspieler Marco Materazzi verpaßte, vom Platz gestellt. Unrühmliches Ende einer einzigartigen Karriere, für das man erst dann Verständnis aufbringen konnte, als sein italienischer Widerpart zugab, Zidane zutiefst beleidigt zu haben, indem er seine Schwester als "Nutte" beschimpfte.
Soweit die bekannten Fakten. Der belgische Schriftsteller, Regisseur und Photograph Jean-Philippe Toussaint entwickelt daraus ein 25seitiges Kabinettstückchen poetischer Überhöhung. Der banale, wenn auch zornaufgeladene Kopfstoß Zidanes wird zu einer "Geste" außerhalb jeder Ästhetik und Moral, die seine völlige Übereinstimmung mit dem Augenblick signalisiert. Dabei kämpfen zwei Strömungen in seiner Seelenbrust miteinander: die Gewißheit über das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit, die Melancholie des unmittelbar bevorstehenden Karriereendes und der unbewußte Widerstand dagegen durch einen nicht akzeptierbaren Abgang versus das Verlangen danach, fluchtartig seiner Fußballzeit entfliehen zu können. Übrigens: Für die aufmerksamen Beobachter im Stadion fand die "Geste" gar nicht statt, denn niemand hat etwas gesehen ...
Der Literat Toussaint treibt sein poetisches, sprachschönes Spiel mit dem Fußballpoeten Zidane. Ein großes Lesevergnügen!
Nach der Lektüre aber sollten wir Zidane wieder aus dem Poetenhimmel befreien, in den er nicht gehört: Es war seine 15. rote Karte; im Champions-League-Spiel gegen den HSV (2000) flog er vom Platz, weil er Jochen Kientz mit einem Kopfstoß niedergestreckt hatte ...