Er ist der eleganteste Intellektuelle Deutschlands. Er kann es sich leisten, an einem x-beliebigen Werktag im Nadelstreifenanzug und gepunkteten Hemd in seiner Wohnung zu sitzen, ohne overdressed zu wirken. Und er lässt sich sogar dabei fotografieren, manchmal. Wen wundert es da, dass der Berufsästhet Enzensberger wahrscheinlich der einzige seiner Art ist, der dem Thema Mode einen eigenen Essay gewidmet hat. Auch darf es den Leser von "Klamotten-Theater" nicht überraschen, dass sein Urteil über die Outfits unserer Tage wenig schmeichelhaft ausfällt. Gleiches gilt für die Politik, die in diversen "Versuchen", darunter "Hitlers Wiedergänger", gehörig ihr Fett abkriegt. Die Florettstiche des Autors gegen das, was ihn in den Neunzigern bewegt und erregt hat, sind auf gewohnte Weise brillant und folgen jenen in Bänden wie "Mittelmaß und Wahn" oder "Politische Brosamen". In einem unterscheidet sich "Zickzack" jedoch von seinen Vorläufern aus den achtziger Jahren. Es enthält nämlich zwei Essays, die zu den wichtigsten zählen, wenn nicht die wichtigsten sind, die Enzensberger in den letzten 30 Jahren veröffentlicht hat. Gemeint sind "Vom Blätterteig der Zeit - Eine Meditation über den Anachronismus" und "Gangarten - Ein Nachtrag zur Utopie". Beide Aufsätze handeln von Fragen zum besseren Verständnis vor allem der europäischen Historie. In der "Meditation" verabschiedet der Autor mit Hilfe einer mathematischen Methode, der so genannten Bäckertransformation, das alte lineare Zeit- und Geschichtsmodell und ersetzt es durch ein komplexes "System", dessen Ereignisse sprunghaft sind und graphisch ein Zickzack-Muster bilden. Daher auch der Titel des Buchs. In "Gangarten" gibt er den politischen Utopien, allen voran der linken, sein letztes literarisches Geleit und erklärt uns, warum gesellschaftliche Großentwürfe nur ein vorübergehendes Phänomen sind und sein können.
Fazit:
Wie kaum ein anderer erweist sich Enzensberger hier als Analytiker des Zerfalls und oft auch Verteidiger des Rückzugs auf vielen Ebenen: Politik, Konsum, Geschichte, Gesellschaft, Glanz und Elend der Intellektuellen, Ästhetik, ect.. Dieser Basso continuo ist in jeder Zeile spürbar und verleiht den Texten etwas Beunruhigendes, aber gleichzeitig auch Zukunftsweisendes.