Judith Kepler arbeitet als Cleanerin für eine Reinigungsfirma in Berlin. Als Cleanerin zu arbeiten bedeutet, Wohnungen, in denen Menschen gestorben sind, von derenen letzten Spuren zu befreien. Kein leichter und auch kein beliebter Job, denn wer begegnet schon gerne Tag für Tag dem Tod. Der Auftrag, den sie an einem warmen Wochenende mitten im Sommer erhält, wird ihr Leben verändern. Sie muss einen Mordschauplatz reinigen. Der Zufall spielt ihr eine alte Akte aus der DDR Zeit in die Hände und verblüfft stellt sie fest, dass es sich um die angeblich verschollene Akte aus ihrer Kinderheim-Zeit handelt. Wie kam das Mordopfer an diese Akte und warum interessierte sie sich für Judiths Vergangenheit? All diese Fragen lassen Judith keine Ruhe und sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Bald wird ihr klar, dass sie ins Visier verschiedener Nachrichtendienste geraten ist, die mit aller Macht verhindern wollen, dass Judith die Vergangenheit ans Licht holt.
Elisabth Herrmann rollt in ihrem neusten Buch ein Stück Vergangenheit wieder auf, das in den Köpfen meiner Generation und den Generationen davor noch gut in Erinnerung ist: den kalten Krieg. Die Zeit vor der Wende, als die Stasi ihre "Kundschafter des Friedens" ausschickt, um möglichst viel über die Entscheidungen in den Politzentralen des Westens herauszufinden. In diese Zeit fallen auch die frühesten Erinnerungen Judith Keplers, die in einem Erziehungsheim in Sassnitz auf Rügen aufwuchs, in dem Demütigung und Zucht an erster Stelle standen und den Menschen Judith Kepler fürs Leben geprägt haben. Liebe und Nähe sind ihr fremd, aber sie ist kein schlechter Mensch. Hinter ihrer ruppigen und spröden Art verbirgt sich Unsicherheit und eine sensible Seele mit einem messerscharfen Verstand, die sich im Notfall zu verteidigen weiß. Eine Fähigkeit, die ihr zugute kommt, denn im Verlauf der Geschichte muss sie mehr als einmal um ihr Leben kämpfen. Es ist kein Thriller, dieses Buch, es ist zurecht als Kriminalroman betitelt, denn der Schwerpunkt liegt hier nicht auf rasanter Action sondern in der Tiefe und Ausführlichkeit der Erzählung, wenn Elisabeth Herrmann Stück für Stück das Geheimnis um Judith Keplers Herkunft lüftet und den Leser eben genau in diese Zeit des Kalten Krieges, dem Machtkampf zwischen den Geheimdiensten aus Ost und West und der Angst vor der Ent- und Aufdeckung zurückführt. Geschickt schlägt sie mit Hilfe von Rückblenden immer wieder den Bogen vom Jahr 1985 bis in die heutige Zeit und nicht nur dem Leser wird klar, dass auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch Vieles im Verborgenen liegt und einige Stellen ein großes Interesse haben dürften, dass dies auch so bleibt. Nicht nur im Buch sondern auch im realen Leben.
Die Vielzahl der Schauplätze, Personen und Erzählstränge fordert vom Leser eine erhöhte Konzentration bei der Lektüre, es lohnt sich aber, hier wirklich bei der Stange zu bleiben. Ich habe die Ausführlichkeit nie als Länge empfunden sondern als willkommenen Exkurs in die jüngere deutsche Geschichte mit auch für mich neuen Informationen. Der Plot selbst bietet gerade zum Ende hin einige überraschende Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte und die ich bei längerem Nachdenken sehr erschreckend fand, vor allem weil man heute, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, die ehemalige DDR verklärt nostalgisch betrachtet und gerne außer Acht lässt, dass das dahinter stehende System bewusst Familien zerstört, Menschen gebrochen und unliebsame Widersacher aus dem Weg geräumt hat.
Wer Wert auf gut erzählte Krimis mit Tiefgang legt, die nicht actionlastig sind und zudem gerne etwas über die jüngere Vergangenheit unseres Landes erfahren möchte, dem kann ich Elisabeth Herrmanns Buch wirklich empfehlen.