Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Zettels Traum
OA 1970 Form Roman Epoche Moderne
Zettels Traum gilt als eins der schwierigsten literarischen Werke in deutscher Sprache. Arno Schmidt summiert darin seine Erfahrungen mit und in Literatur, seine Geschichtsphilosophie, Kulturkritik und Sprachtheorie.
Inhalt: An einem Sommertag des Jahres 1968 diskutiert Daniel (»Dän«) Pagenstecher, Schriftsteller, Übersetzer und Privatgelehrter, mit dem befreundeten Ehepaar Jacobi dessen Übersetzung von Edgar Allan R Poe. Die Jacobis sind dazu in Däns Haus in der Lüneburger Heide gekommen; ihre 16-jährige Tochter Franziska haben sie mitgebracht. Es entspinnen sich Gespräche über Poe, Sigmund R Freud, Däns Theorie der »Etyme« (sublimierte und sublimierende Wortmodel, die sexuelle Konnotationen gleichzeitig erzwingen und verdrängen, wie im Englischen etwa »pen«, Füller, für »Penis«), Psychoanalyse, Geschehnisse im nahen Dörfchen Ödingen etc. Eine Romanze mit Franziska, die um ihn wirbt, wird vom alternden Dän erwogen, dann aber entzieht er sich ihr; seine offen ausgesprochene Bedingung an ihre Eltern ist, Franziska Abitur und Studium zu ermöglichen.
Aufbau: Der komplexe Aufbau des Werks, der sich auch in seiner äußeren Form widerspiegelt, überforderte bei Erscheinen die zeitgenössische Setztechnik; nur eine fotomechanische Reproduktion des 1330 Seiten starken Typoskripts im Format DIN A3 war möglich.
Schmidt teilt die Seiten in drei Spalten auf, jeweils für Handlung, begleitende Zitate aus der Literatur und einen wortverspielten Kommentar, der dem Ich-Erzähler Pagenstecher zugeordnet werden kann. Die Verwobenheit dieser Stränge ist wesentlich für die Handlung, in der die gerade besprochene oder assoziierte Literatur die Personen steuert, ihnen Lebensentwürfe ebenso wie kleine Gesten vorschlägt oder aufzwingt, in der aber auch die Analyse von Poes Werk getragen und gelegentlich sabotiert wird von den eigenen Umständen.
Das Wortspiel, dessen ersatzbefriedigende Kraft durch eine von Dän postulierte »4. Instanz« des Geistes an die Stelle des verhinderten Sexualakts tritt, beherrscht dabei Bericht und Kommentar des Erzählers; die unvermittelte Assoziationskraft, deren Geistesbewegungen durch reiche Interpunktion ausgedrückt werden, macht einen Großteil der Schwierigkeiten der Lektüre aus.
Wirkung: Die Rezeption war zunächst bestimmt von einer statistisch-effekthascherischen Berichterstattung über das Großbuch. Die Thesen zu Sprache und Psychoanalyse wurden nicht weiter fortgeführt; die ästhetische Würdigung des Werks (wie des gesamten schmidtschen uvres) setzte erst nach der Wiedervereinigung ein, als neben moralisch getriebenen Autoren wie Heinrich R Böll, Günter R Grass und Martin R Walser persönlich-mythische Werke wie die von Schmidt und Uwe R Johnson als Gegenbilder wieder neu in den Blick gerieten. H. Z. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Zettels Traum
OA 1970 Form Roman Epoche Moderne
Zettels Traum gilt als eins der schwierigsten literarischen Werke in deutscher Sprache. Arno Schmidt summiert darin seine Erfahrungen mit und in Literatur, seine Geschichtsphilosophie, Kulturkritik und Sprachtheorie.
Inhalt: An einem Sommertag des Jahres 1968 diskutiert Daniel (»Dän«) Pagenstecher, Schriftsteller, Übersetzer und Privatgelehrter, mit dem befreundeten Ehepaar Jacobi dessen Übersetzung von Edgar Allan R Poe. Die Jacobis sind dazu in Däns Haus in der Lüneburger Heide gekommen; ihre 16-jährige Tochter Franziska haben sie mitgebracht. Es entspinnen sich Gespräche über Poe, Sigmund R Freud, Däns Theorie der »Etyme« (sublimierte und sublimierende Wortmodel, die sexuelle Konnotationen gleichzeitig erzwingen und verdrängen, wie im Englischen etwa »pen«, Füller, für »Penis«), Psychoanalyse, Geschehnisse im nahen Dörfchen Ödingen etc. Eine Romanze mit Franziska, die um ihn wirbt, wird vom alternden Dän erwogen, dann aber entzieht er sich ihr; seine offen ausgesprochene Bedingung an ihre Eltern ist, Franziska Abitur und Studium zu ermöglichen.
Aufbau: Der komplexe Aufbau des Werks, der sich auch in seiner äußeren Form widerspiegelt, überforderte bei Erscheinen die zeitgenössische Setztechnik; nur eine fotomechanische Reproduktion des 1330 Seiten starken Typoskripts im Format DIN A3 war möglich.
Schmidt teilt die Seiten in drei Spalten auf, jeweils für Handlung, begleitende Zitate aus der Literatur und einen wortverspielten Kommentar, der dem Ich-Erzähler Pagenstecher zugeordnet werden kann. Die Verwobenheit dieser Stränge ist wesentlich für die Handlung, in der die gerade besprochene oder assoziierte Literatur die Personen steuert, ihnen Lebensentwürfe ebenso wie kleine Gesten vorschlägt oder aufzwingt, in der aber auch die Analyse von Poes Werk getragen und gelegentlich sabotiert wird von den eigenen Umständen.
Das Wortspiel, dessen ersatzbefriedigende Kraft durch eine von Dän postulierte »4. Instanz« des Geistes an die Stelle des verhinderten Sexualakts tritt, beherrscht dabei Bericht und Kommentar des Erzählers; die unvermittelte Assoziationskraft, deren Geistesbewegungen durch reiche Interpunktion ausgedrückt werden, macht einen Großteil der Schwierigkeiten der Lektüre aus.
Wirkung: Die Rezeption war zunächst bestimmt von einer statistisch-effekthascherischen Berichterstattung über das Großbuch. Die Thesen zu Sprache und Psychoanalyse wurden nicht weiter fortgeführt; die ästhetische Würdigung des Werks (wie des gesamten schmidtschen uvres) setzte erst nach der Wiedervereinigung ein, als neben moralisch getriebenen Autoren wie Heinrich R Böll, Günter R Grass und Martin R Walser persönlich-mythische Werke wie die von Schmidt und Uwe R Johnson als Gegenbilder wieder neu in den Blick gerieten. H. Z. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Arno Schmidts in fast zehnjähriger Arbeit entstandener Riesenroman, mit dem Leitmotiv vom unsäglichen Traum des Webers Zettel, des großen Anzettlers im Sommernachtstraum, ist nach dem äußeren Aufbau das innerhalb 24 Stunden sich abspielende Streit-, Lehr- und Liebesgespräch, zwischen vier Personen an einem wunderträchtigen Hochsommertag in der Lüneburger Heide, - in ihrem Verständnis ihr schlechthinniger Lebenstag, in den sie einbringen, was sie haben und sind." (Ernst Krawehl).
"Zettels Traum" ist Fluchtpunkt und Summe des gesamten bis dahin entstandenen Werks des Autors; das monumental umfangreiche Buch ist Epos und Essay, Übersetzungstheorie und Dichterpsychographie zugleich, Fortführung und konsequente Zusammenfassung der erzähltechnischen und literaturtheoretischen Ansätze de r früheren Bücher Schmidts, die im Nachhinein wie Fingerübungen zu diesem Riesenbuch erscheinen." (Jörg Drews)
"Zettels Traum" mußte - allein schon ob der Etym-Basis - ein zu zwei Dritteln humoristisches Buch werden, das aber auch alles mögliche Andere natürlich zeigt: das Flickwerk unserer Eingeweide, und den Schmelz der Interpunktion." (Arno Schmidt)
"Zettels Traum" ist Fluchtpunkt und Summe des gesamten bis dahin entstandenen Werks des Autors; das monumental umfangreiche Buch ist Epos und Essay, Übersetzungstheorie und Dichterpsychographie zugleich, Fortführung und konsequente Zusammenfassung der erzähltechnischen und literaturtheoretischen Ansätze de r früheren Bücher Schmidts, die im Nachhinein wie Fingerübungen zu diesem Riesenbuch erscheinen." (Jörg Drews)
"Zettels Traum" mußte - allein schon ob der Etym-Basis - ein zu zwei Dritteln humoristisches Buch werden, das aber auch alles mögliche Andere natürlich zeigt: das Flickwerk unserer Eingeweide, und den Schmelz der Interpunktion." (Arno Schmidt)
Kurzbeschreibung
Zettels Traum umfasst 1334 mehrspaltig beschriebene Seiten, die in Form des Original-Typoskripts mit Randglossen und Handskizzen des Autors wiedergegeben sind. Der Titel verweist ironisch auf die 120.000 Notizzettel, auf denen Schmidt seine Einfälle zum Buch notiert hatte, und auf den Weber namens Zettel in Shakespeares Ein Sommernachtstraum. Der Roman ist ein Solitär in der Literatur des 20. Jahrhunderts, der seit der ersten Veröffentlichung 1970 großes Aufsehen erregt, wobei der Reichtum an Anspielungen bis heute nicht gänzlich ergründet werden konnte.
Über den Autor
Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, starb am 3. Juni 1979 in Celle. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 veröffentlichte Schmidt zahlreiche Erzählungen, literarische Radio-Essays und eine umfangreiche Fouqué-Biographie (1958). Seit "Zettels Traum" (1970) erschienen seine Prosawerke in großformatigen Typoskriptbänden. Arno Schmidt erhielt den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main.