Zettels Traum zu ergründen. Nicht selten wird Arno Schmidts Opus Magnum mit Joycens letztem literarischen Rundumschlag Finnegans Wake - wenn nicht gar als deutsches Pendant dessen - in einem Atemzug genannt, wenn es um 'schwierige, unlesbare' Bücher geht. In all diesem Wust, diesem Dunstschleier aus Ruhm und Extravaganz, was kann da für den Leser herausspringen?
Klaus Reichert, seines Zeichens Joyce-Experte, sagte einmal, den Ulysses von James Joyce zu lesen (der ja schon vielen als ein unentziffertes Rätsel gilt) heißt, das Lesen zu lernen:
Ich denke, dieses Zitat sollte immer wieder ins Gedächtnis geraten, wenn es um die Monumente der modernen Literatur geht:
Zettels Traum ist ganz besonders eine gnadenlose Herausforderung an alle Lesegewohnheiten.
Das Monument in inhaltlichem wie drucktechnischen Sinne zeichnet sich durch seine eigenwillige Textgestaltung aus:
Der Haupthandlung, der Text der für gewöhnlich die Mitte einer Manuskriptseite einnimmt, der Poe-Anmerkungen links davon und den Gedankenfetzen und allgemeinen Anmerkungen rechts, wobei auch je nach Stelle Abbildungen von Kondomwerbungen oder anderen Bildern vorkommen können.
Denn Arno Schmidts Zettels Traum folgt einer Stringenz, die sich nicht in einer vordergründigen prosaischen Dramatik entfaltet, vielmehr ist es ein einziger Fluß, ein Strom des Bewußtseins, der sich manchmal teilt, dann wieder zusammenläuft und den Leser dazu bewegt, das Lesen dem Unbewußten selbst zu öffnen:
Da häufen sich die Sprachspiele, Metamorphen und Verschmelzungen von Worten, Assoziationsketten die sich ständig fortpflanzen.
Die vordergründige Handlung besteht darin, wie der Erzähler und ein befreundetes Ehepaar mit der jungen Tochter Franziska das Werk Edgar Allan Poes diskutieren, bei dem der Erzähler durchweg das Idealbild Poes der Gattin oft zu zerstören sucht und bei seinen 'Untersuchungen' von Poes Schriften letztlich ein überaus lasterhaftes Bild der Dichters zustandekommt.
Zettels Traum als ein deutscher Finnegans Wake? Vom Standpunkt der benutzten Technik, der ineinanderfließenden Gedanken, bei denen Tat und Gedanke gleichwertig sind und das Unterbewußte ganz zur Sprache kommt, gehen beide Werke in die selbe Richtung.
Schmidt aber setzt noch einen drauf: man mag Zettels Traum verstehen als das kühnste was an Prosa in Deutschland je geschrieben worden ist - gleichzeitig kann man es als einen einzigen großen Scherz lesen, wenngleich einen von gewissem Format.
Wie bekannt ist war Arno Schmidt mit Hans Wollschläger der Übersetzer des Gesamtwerks Edgar Allan Poes ins Deutsche. Schlägt man vor diesem Hintergrund Zettels Traum auf, entpuppt es sich als das Tagebuch eines Nachdichters. Notizen zu den verschiedensten Ecken von Poes Werken geben sich die Hand und - wenn man herablassend sein wollte - oft scheint die vordergründige Handlung nur als lose Fassung der überbordenden Fülle an Details und Einstreuungen zu Poes herhalten zu müssen. Freilich, Schmidt webt viel mehr als nur Poe ein, Zettels Traum strotzt nur so von Querverweisen und Anspielungen, Wortspielen und Bezügen zu seiner Zeit.
Als literarisches Werk dieses Formates steht Arno Schmidts Zettels Traum allein in der deutschen Literatur dar. Es verlangt vom Leser eine ganz andere Haltung zum Lesen, giert beinahe nach ständigem Ausloten seiner Doppelbödigkeiten. Dem Vorrezensenten kann ich mich nur anschließen in dem Punkte, daß man wirklich zu einem sehr erlesenen Kreis gehören würde, wenn man es tatsächlich durchgelesen haben sollte. Doch Zettels Traum ist auch da eine Ausnahme: es gilt nicht, alle Details zu erfassen, sondern das Format und die Tiefe des Werks zu erfassen. Das geht meiner Meinung nach auch - oder gerade mithilfe - durch ein nichtlineares Lesen.
Zu empfehlen ist es all denen, die ausloten wollen, wieweit sie sich auf experimentelle Literatur einlassen können. Denen, die mit der Stream-of-consciousness-Methode vertraut sind oder ins kalte Wasser springen wollen.
Besonders interessant ist es aber eben auch für Poe-Interessierte, und diese die schon einige seiner Erzählungen und Werke kennen und so das Grundgeflecht von Zettels Traum überschauen können. In dieser Hinsicht kann man es wie eine mächtige und kunstreiche Ansammlung von Künstler-Notizen zum Oevre des Wegbereiters der modernen Literatur E.A. Poes lesen.