- Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
- Verlag: Efef (1996)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3905561042
- ISBN-13: 978-3905561043
- Größe und/oder Gewicht: 22,2 x 13,9 x 2,2 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.928.769 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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Malika Mokeddems Roman «Zersplitterte Träume»
Im Unterschied zu vielen anderen kennt die maghrebinische Exilliteratur das «glückliche Exil» und zwar nicht allein im Gefühl, einer bedrohlichen oder beengenden Situation entronnen zu sein, sondern als Wanderschaft an sich. Das hängt gewiss mit der nomadischen Kultur zusammen, aber auch mit einer Identität, die im Laufe der Geschichte und bis heute immer wieder in Bewegung geraten ist: unterschiedliche Kulturen vertreiben und vermischen sich, werden kolonisiert, überlagert und marginalisiert.
Malika Mokeddem, die 1949 in Südalgerien geboren wurde, beschrieb in ihren ersten beiden Romanen, «Die blauen Menschen» (1990) und «Die Zeit der Heuschrecken» (1992), die Wanderschaft in der algerischen Wüste. In ihrem vierten Roman, «Zersplitterte Träume» (1996), der in einer tadellosen Übersetzung von Barbara Rösner-Brauch auf deutsch erschienen ist, zeigen sich das Anderswo und das Exil in einer neuen Sicht. Er spielt nicht mehr in einer vagen Vergangenheit, sondern in der Gegenwart des algerischen Terrors.
Kein Platz in der Gesellschaft
Kenza wächst als Tochter eines von sexuellen Obsessionen geplagten Vaters und einer Mutter, die gegen ihren Willen verheiratet wurde, in Oran auf. Schon als der Vater Kenza während der Ferien zu einem Onkel in die Wüste schickt, wird das «glückliche Exil» zum Thema, denn die Wüste bedeutet Abwesenheit der väterlichen und brüderlichen Repression gegen das aufbegehrende Mädchen.
Das innere Exil als weibliche Existenzmöglichkeit lernt Kenza in der Zeit des Studiums kennen. Als sie sich in Yacef verliebt, machen die gesellschaftlichen Normen den Alltag des unverheirateten Paares schwierig. Radikalisiert wird Kenzas inneres Exil, als Yacef, der sich nicht gegen seine Familie aufzubegehren traut, die ihm versprochene Cousine heiratet. Kenza erfährt erneut, dass ihr als Frau diesmal als gebildeter, emanzipierter kein angemessener Platz in der algerischen Gesellschaft zusteht.
Dieser Platz wird ihr erst recht vom aufkommenden Integrismus streitig gemacht. Kenza geht ins tatsächliche Exil. Mokeddem stellt die südfranzösische Stadt Montpellier zwar nicht als Paradies dar, doch Kenza geniesst hier die gewonnene Freiheit. Bei anderen maghrebinischen Immigrantinnen stellt sie relativ gute materielle und soziale Lebensbedingungen fest. Mokeddem vermindert die Distanz zwischen Algerien und Südfrankreich, indem sie beide als der Mittelmeer-Region zugehörig darstellt.
In der Reise nach Montpellier verkehrt Mokeddem das Muster des Exilromans. Denn hier sucht Kenza ihre Wurzeln, nämlich die Spuren ihrer Mutter. Entgegen ihrer Annahme, dass diese sie einfach vergessen hat, hört sie, dass sie immer nur an sie gedacht und alles unternommen hat, sie zu sich zu holen. Kenzas Freude über dieses (späte) Geliebtsein vermischt sich mit der Trauer über das Leiden und den schlimmen Tod der Mutter.
Weisse Fernen
«Zersplitterte Träume» erhält eine weitere Dimension durch Slim, den in Montpellier geborenen Sohn einer algerischen Mutter und eines Vaters aus Mali, der die Familie verlassen hat. Kenza nennt ihn «den Gleiter», da sie die Leichtigkeit seiner Skateboard-Kurven fasziniert. Slim steht zu den Fragen, die Kenza beschäftigen, in einem pragmatisch-sachlichen Verhältnis. Seinem Vater nachzuspüren interessiert ihn nicht, ebensowenig die Suche nach der Herkunft: «Der einzige Ort, woher ich komme, ist der Bauch meiner Mutter.» Zweifellos kündigt sich hier eine Generation an, für die das Gleiten durch verschiedene Kulturen selbstverständlich geworden ist.
Slim evoziert in Kenza die Erinnerung an Alilou, den Jugendgespielen aus der Wüste. Er steht für eine andere Suche nach dem Paradies. In seinem «Sputnik» durchquerte er den Himmel, wo er Gott besuchte, der sich über die endlosen Gebete der Muslime ärgert, für die er alles tun sollte. Er fährt auch zum Teufel, wo sich all die wunderbaren Dinge des Menschen befinden, welche die rechtgläubigen Muslime zur Hölle wünschen. Eines Tages verlässt er den Douar, ein Sandsturm verwischt seine Spuren. Er gehört von nun an zu jenen «baliseurs du désert», denen der Tunesier Nacer Khemir einen seiner faszinierenden Filme gewidmet hat. Auch Kenza geht fort, sie bricht am Schluss des Romans auf in «weisse Fernen». Zeit und Raum in Mokeddems viertem Roman haben sich gegenüber den ersten beiden gewandelt. Sie zeigt nicht mehr das langsame Dahinschreiten in der Wüste, wo die Menschen nur überleben können, indem sie den leeren Raum reichlich mit Worten und Bildern füllen. Kenzas Wege sind angefüllt mit konkreteren Wahrnehmungen. Die Sprache, in der Mokeddem sie beschreibt, ist denn auch frei vom barocken Ballast der Wüsten-Romane.
«Zersplitterte Träume» besticht durch das gelungene Variieren des Anderswo. Der Roman erzählt auch vom heutigen Algerien. Er vertritt eine zwar einseitige, aber begründete These: «Ein Volk, das seinen Frauen so viel Verachtung entgegenbringt, das seine Kinder zu Frauenfeindlichkeit und Fanatismus dressiert, wie man Hunde dressiert, arbeitet an seinem Unglück. Dreissig Jahre Vorbereitung auf die Verachtung. Und jetzt Inquisition und Hölle.»
Heinz Hug
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