Das sehr spannend und vielseitig geschriebene Buch entspringt einer authentischen Mißbrauchsgeschichte eines Mannes, der in seiner Jugend zunächst mit Begeisterung Ministrant (Meßdiener) und Lektor in einer katholischen Pfarrei gewesen war. Ein katholischer Diakon (= erste Weihestufe vor dem möglichen Empfang der Priesterweihe) erschleicht sich sein Vertrauen, aber auch das seiner drei Brüder und der ganzen Familie. In der Familie nicht vorrangig beachtet, empfindet Markus Anstead das Interesse des Klerikers für ihn als Person zunächst als Schmeichelei. Immer klarer wird aber allen, daß der Diakon Frauen im Reden abwertet und Witze macht, die letztlich eigentümlich erscheinen. Trotzdem denkt sich niemand was dabei, als der Diakon den Meßdiener immer häufiger auf Fahrten einlädt. Eines Tages ist klar, daß der Diakon ausschließlich homosexuelle Interessen verfolgt, und in einer Nacht passiert das Unfaßbare: er zwingt innerhalb das Vertrauensverhältnis den jungen minderjährigen Mann zu sexuellen Befriedigungshandlungen, und dies noch dazu im katholischen Wallfahrtsort Kevelaer. Am nächsten Morgen setzt er ihn einfach ab, als ob sein Opfer nur ein Wegwerfprodukt gewesen wäre, und der Meßdiener muß alleine per Anhalter nach Hause kommen.
Was sind die Konsequenzen?
Dies wird äußerst anschaulich beschrieben, absolut glaubhaft - und so ist dieses Buch auch eine Hilfe vor Verführung Minderjähriger, die klassischen Einschleichmethoden von Tätern zu durchschauen. Ohne jemals in homosexuelle Richtung zu tendieren, fühlt sich der Mißbrauchte plötzlich so geprägt und rutscht in Frankfurt in eine Szene hinein, doch wird er immer unglücklicher, als ob er in falschen Schuhen leben würde. Durch eine Bewerbung an eine englische Eliteschule kann er die Vorkommnisse kurzfristig verdrängen, und durch eine wunderbare Frau wird ihm seine eigentliche Identität klar, sodaß sie ihm für immer zurückgeschenkt erscheint. Doch der Mißbrauch und seine Folgen melden sich psychisch mit Vehemenz zurück. Jede einzelne Beziehung zu einer Frau scheitert letztlich, weil vom Mißbrauch her eine regelmäßig einsetzende Angst vor dauerhafter Nähe einsetzt.
Viele Beratungen und Therapien helfen nicht, bis ein bodenständiger praktischer Arzt klar sagt, daß er seine Geschichte nach außen transportieren müsse, in welcher Art auch immer, um sich in seine volle Existenz zurückzubegeben. Nach vielen Auf und Ab und weiteren Beratungen entscheidet sich Markus Anstead, durch die Polizei die vor 25 Jahren geschehenen Untaten endlich aufzeichnen zu lassen. Doch ein Rechtsanwaltstermin wirft ihn zurück, dort fühlt er sich nur zum einfachen Kunden abgewertet, ohne große Chancen auf Schadensersatz durch den Täter. So findet er im Internet eine Beratungsseite http://www.padre.at/missbrauch.htm und faßt Mut, über die Kirche und ihre Gerichtsbarkeit selbst den Weg des Schadensersatzes zu gehen. Während im Bistum Münster das dortige Offizialat (= Kirchengericht) formalistisch zu arbeiten scheint, obschon der Täter vom selben Bistum längst aufgefunden und befragt war und dieser sogar seine Schuld anerkannt hat, wird schließlich der Täterpriester in einem anderen katholischem Bistum als Ruheständler aufgefunden. Nun wendet sich Anstead an das zuständige Kirchengericht des Bistums Rottenburg-Stuttgart und erfährt dort vorbildliche Hilfe, nachdem er seine Klage eingereicht hat. Im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs erkennt der Täter neuerlich seine Schuld an und überweist ein Schmerzensgeld, das zwar die Untaten niemals gutmachen kann, aber der Wiederherstellung der Ehre des Opfers Markus Anstead dient.
So ist diese Geschichte, untermalt von Passagen zum Leben und zur Kunst des niederländischen Malers Vincent van Gogh, eine sehr ermutigende und sehr realistische, und im übrigen ist auch die literarische Qualität in vielen Kapiteln des Buches herausragend. Ich kann dieses Buch jedem Menschen, aber vor allem anderen Opfern und allen, die auf dem Gebiet des sexuellen Mißbrauchs innerhalb und außerhalb der Kirche noch kaum etwas wissen, dringend empfehlen. Es wird klar, daß es keinen Alternative für die Kirche gibt zu dem jetzt endgültig eingeschlagenen Kurs der Transparenz und der vollen Aufklärung. Auch wird klar, daß sich immer noch zu wenige Opfer sexuellen Mißbrauchs zum Heil ihrer eigenen Psyche und zur Verfolgung der Täter gemeldet haben.
Schließlich zeigt die Geschichte auch auf, daß in Übereinstimmung mit allen bisher vorliegenden Informationen die meisten innerkirchlichen Mißbrauchstäter homosexuell oder ephebophil tendierende Männer sind, die vor alle pubertierende Jungen mißbrauchen wollen. Dieser Realität muß sich die Kirche weltweit stellen, und auch aus diesem Grunde hat die römische Bildungskongregation schon 2005 eine eigene Instruktion erlassen, daß derart tendierende Männer nicht die heiligen Weihen empfangen dürfen.