Albert Ostermaier ist ein preisgekrönter Lyriker zurzeit fraglos einer der bekanntesten und dominantesten Dramatiker im deutschsprachigen Raum. Seine Stücke werden an allen großen Bühnen zwischen Berlin und Wien aufgeführt. Mit "Zephyr" hat er jetzt einen Debütroman geschrieben, in den all das in irgendeiner Form Eingang gefunden hat, was er bisher gemacht hat. Es ist ihm gekonnt gelungen Lyrik, Dramatik und filmische Erzähltechnik miteinander zu verbinden und als Gesamtheit in Spannung zu bringen.
Bei den Recherchen ist der Autor darauf gestoßen, dass sie sich nach den Dreharbeiten in einem Lokal namens "Zephyr" getroffen haben, einem Treff der Szene. Die Geschichte dieses Ortes hat sich auch in deren beiden Geschichten ereignet. Die Mythologie des "Zephyrs", das Westwind besagt, dass er eifersüchtig ist, und da er aus dem Land der Finsternis kommt trägt er den Anflug des Todes in sich. Der richtige Titel, denn es ist ein Drama, es ist Lyrik und es ist ein Liebesroman. Vorbild für diesen Roman ist eine große Liebestragödie, nämlich der Mord an der berühmten französischen Schauspielerin Marie Trintignant. Sie wurde im Jahre 2002 von Bertrand Cantat, Sänger der Rockband "Noir Désir" ermordet. Das verliebte Paar durchfeiert die Nächte, um sich nicht trennen zu müssen, begleitetet Bertrand Marie zu Dreharbeiten nach Vilnius, wo das Leben der Schriftstellerin Colette verfilmt werden soll. Im Liebesrausch kommt es zu Alkoholexzessen, Drogenexzessen und Eifersuchtsexzessen zwischen den beiden Verliebten. Das Paar wurde in den Medien immer mit dem identifiziert, was Leidenschaft ist. Schließlich erschlägt Bertrand seine Geliebte und schläft danach gedankenlos und schuldunbewusst neben ihr ein. Es war ein Liebesdrama das durch die ganze Presse ging.
In Zentrum dieses Romans, der sehr kompliziert und artifiziell gebaut ist, steht zunächst dieser reale Fall. Der Protagonist des Romans heißt Gilles. Er ist Drehbauchautor und hat den Auftrag ein Drehbuch über das Paar Marie-Bertrand zu schreiben. Seine Liebe mit Ehefrau Cathy dümpelt ohne Höhepunkte vor sich hin und so will er mit dem Drehbuch gleichzeitig seine eigene Liebesgeschichte schreiben, beide Geschichten sozusagen miteinander vermischen. Er kauft ein Cabrio, mietet eine Villa an der Cote d'Azur, beginnt mit der Arbeit. Indem er sich mit dem Liebeswahnsinn, der grenzenlosen Leidenschaft der anderen beschäftigt, hofft er im Geheimen, auch seine eigene Ehe, die im Laufe der Zeit blutleer geworden ist, wieder neu beleben zu können, verliert sich dabei aber immer mehr in adaptierten Wirklichkeiten. Er erzählt in ganz dichten ausdrucksstarken, lyrischen Momenten von diesem Mord an der berühmten Schauspielerin, während seine Ehefrau Cathy gelangweilt auf dem Bett liegt und zu schlafen scheint. Ihm fällt es zunehmend schwerer zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Spielt er jetzt auch schon den Mörder? Hat er seine Frau schon ermordet? Spielt er die Szenen nur im Drehbuch nach, oder jetzt gar schon in der Realität?
Wie ein Vampir versucht er neuen Lebenssaft für seine Ehe, seine ureigene Liebesbeziehung zu gewinnen, in dem er durch die Liebesgeschichte der anderen seine eigene Liebesbeziehung befeuert. Er findet so zu neuer Intensität, in dem er das, was er tatsächlich wahrnimmt, mit dem, was sich vor seiner filmischen Kameralinse abspielt, überblendet.
Ob er dieses Drehbuch wirklich schreibt, weiß man nicht, doch er bleibt die ganze Zeit auf der Suche nach der großen Liebe, beschreibt diesen Liebesmord tief irisierend. Auf dieser Projektionsfläche für die ganz großen Liebeskonzepte und autokratischen Liebesideen lässt er Engel zur Sonne fliegen, die ihre Flügel an der hemmungslosen Leidenschaft verbrannt haben.
Es ist eine ganz moderne Liebesgeschichte, in einer nicht reduzierten, Theaterhaften Sprache, die deutlich macht, wie sich Liebesgeschichten aus anderen Liebesgeschichten zu aktivieren versuchen. Eigentlich gibt es nicht die passende Sprache für die Liebe, der Autor sucht sie mit großen Worten, probiert sie aus, dringt auf der Suche nach Tiefenschärfe gründlich in die Wunden der Figuren ein und entwirft dabei ein faszinierendes kaleidoskopischen Vexierspiel mit raschen, häufig unvermuteten vermischen Szenenwechseln. Es ist eine wahre Wortspielhölle, in der, wie aus einem Flipperkasten, ständig neue Kalauer und Satzhoheiten gezogen werden. Die Sprache der Liebe, die der Autor zu finden versucht, ist absolut modern, eine große Sprache, die all das beinhaltet, was sich der Leser wünscht und ersehnt, die viel riskiert aber den Lebensraum belässt und final gesteht sich der Protagonist dann ein:"Jeder hat seine Geschichte, nur seine eigene findet er nicht." Und so bleibt Gilles sein Problem schließlich auch ungelöst, denn es gelingt ihm nicht in den Liebesfilm der anderen einzusteigen. Er bleibt ständig auf der Suche. Die große Frage die diesen Protagonisten umtreibt bleibt die Frage, wie denn eigentlich Dichten und Leben zu schreiben ist, denn er fragt sich an einer Stelle:"Was war eigentlich zu erst, der Impuls zu schreiben oder der Impuls zu leben?"
Die Literaturkritik ist bei der Beurteilung dieses Romans in ihrer Meinung sehr geteilt. Die einen sprechen von einem misslungenen, völlig unnötigen Buch, andere finden die Konstruktion, das große tragische Liebespaar mit einem "Ersatzpaar" auf einer anderen Ebene zu spiegeln, pubertär aufgesetzt. Wieder andere finden die Aneinanderkettung von falschem Pathos sehr anstrengend und bedauern, dass den Lesern letztendlich ein Labyrinth von verwirrenden Vermutungen verbleibt.
Tatsächlich verbleibt ein geschlossenes Fenster, denn die Frage, warum es diesen Mord aus Liebe gegeben hat, wird nicht beantwortet. So erfährt der Leser über diese große Liebesgeschichte eigentlich wirklich nichts Neues, weil ja dieser Moment, wo der Mord aus Liebe geschah, wo es keine Zeugen gab, eigentlich faktisch gar nicht zu eruieren ist.
Meiner Meinung nach macht der Autor einen entscheidenden Fehler und darin liegt vielleicht das Hauptproblem dieses Romans, dass er diese starke tatsächlich im Leben passierte Geschichte von Marie und Bertrand, wie in einem Theaterstück als Ausgangspunkt wählt. Er hängt sich an diese Geschichte ran, nimmt diesen Attraktor und konstruiert ein "Parallelpaar", welches die Tragödie auf einer konstruierten literarischen Buchebene noch einmal nachvollzieht und versucht so gewollt oder ungewollt, dem Drama im posthum eine Verbrämung zu verleihen.